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Isolation zu Weihnachten: Paulina Spelbrink MSc erklärt Dinner-Table-Syndrome

Isolation ist nie schön — sie tritt auch auf, wenn man vom Gespräch ausgeschlossen wird. Besonders zu Weihnachten verbringen gehörlose Menschen oft Zeit mit hörenden Familienmitgliedern, ohne dem Gespräch in Lautsprache folgen zu können. Das sogenannte Dinner-Table-Syndrome kann sogar Langzeitfolgen haben. Als Lehrende und Sekretärin des ÖGLBs hat Paulina Spelbrink BSc, MSc zu diesem Thema viel geforscht. Sie war bei uns bei „In die Hand Nehmen“ zu Gast.

 

*Alternativlink zum Video: YouTube

 

Transkript: 

[GW.tv]: Hallo und herzlich Willkommen! Heute beschäftigen wir uns mit dem Dinner Table Syndrome. Bald ist wieder Weihnachten. Viele gehörlose oder schwerhörige Personen finden sich in einer ähnlichen Situation. Egal ob bei der Familie oder in anderen Kreisen – am Tisch sind sie oft nur von hörenden Personen umgeben. Dabei sind sie häufig vom Gespräch ausgeschlossen. Wir haben heute eine Gästin zu diesem Thema. Möchtest du dich kurz vorstellen?

[Paulina Spelbrink]: Mein Name ist Paulina Spelbrink [Gebärdenname]. Ich bin beruflich sowohl im pädagogischen als auch psychologischen Bereich tätig. Das Thema Dinner Table Syndrome ist für mich sehr relevant. Es ist auch ein sehr aktuelles Thema.

[GW.tv]: Danke, dass du dir Zeit für unser Gespräch heute nimmst. Wir wollen heute gemeinsam das Dinner Table Syndrome ein bisschen genauer beleuchten. Kannst du uns erklären, worum es bei dem Begriff genau geht?

[Spelbrink]: Das ist ein englischer Begriff. Hier geht es speziell um Situationen beim gemeinsamen Abendessen. Das ist ganz typisch in Familien, dass man untertags unterwegs ist und am Abend zum Essen zusammenkommt. Abends sitzen meist alle beisammen und freuen sich, dass sie endlich miteinander plaudern können. Das ist der Ursprung des Begriffs Dinner Table. Beim Dinner Table Syndrome sind aber speziell gehörlose Personen gemeint, die, wie in 90 % der Fälle, in eine hörende Familie geboren werden. Es wird nicht in Gebärdensprache, sondern in Lautsprache kommuniziert. Wenn eine gehörlose Person anwesend ist, kann diese den Gesprächen nicht folgen. Sie ist kein Teil des Informationstaustauschs und kann auch an Diskussionen nicht teilnehmen. Das führt zu Isolation. Daher ist der Begriff Dinner Table Syndrome entstanden. Diese Entwicklung bringt einige schwerwiegende Folgen mit sich. Es entstehen Problematiken, die das ganze Leben prägen können. Aus diesem Grund ist der Begriff entstanden.

[GW.tv]: Also es kommt aus dem Englischen und ist durch das Beisammensein am Tisch entstanden. Wird dieser Begriff ausschließlich in Zusammenhang mit hörenden Familien verwendet oder gibt es auch noch andere Situationen?

[Spelbrink]: Ja genau, es handelt sich hierbei um das hörende Umfeld, in einem Umfeld, wo keine Gebärdensprache verwendet wird. Und das ist natürlich meist im familiären Kontext. Das ist ja auch das erste Umfeld einer gehörlosen Person, in dem sie aufwächst. Es umfasst aber auch noch andere Situationen in einem hörenden Umfeld. Das kann am Arbeitsplatz sein oder ein gehörloses Kind, das von Hörenden umgeben ist. Man bekommt nichts mit und fühlt sich nicht zugehörig. Also es trifft auf solche Kommunikationssituationen zu, in denen man sich ausgeschlossen fühlt. Das ist wirklich schlimm, wenn es an der fehlenden Kommunikation scheitert.

[GW.tv]: Woher stammt eigentlich der Begriff Dinner Table Syndrom? Kannst du uns ein bisschen mehr erzählen, wann und wie sich der Begriff etabliert hat?

[Spelbrink]: Der Begriff ist bereits um das Jahr 2000 vermehrt aufgetaucht. An der Gallaudet- und auch an der California University wurde zu dem Thema geforscht. So wurde der Begriff auch wissenschaftlich belegt. Um das Jahr 2000 hat sich der Begriff Dinner Table Syndrome also langsam etabliert. Man hat dann auch beobachtet, welche gehörlosen Personen das betrifft. Das waren hauptsächlich gehörlose Menschen mit einem hörenden Familienumfeld. 2020 wurde der Begriff ganz offiziell nochmal in einer Forschung aus Deaf-Studies-Perspektive verwendet. Seither hat sich das Bewusstsein hinsichtlich des Begriffs noch einmal deutlich gesteigert. Es wird auch vermehrt dazu geforscht und publiziert.

[GW.tv]: Es hat also 20 Jahre gedauert, bis es entsprechend wissenschaftlich behandelt wurde. Was genau sind denn die Ergebnisse der genannten Studien? Welche Folgen kann das Dinner Table Syndrome mit sich bringen?

[Spelbrink]: Der Begriff Dinner Table Syndrom ist enorm wichtig und das zeigt sich auch in der Forschung. 90 % der gehörlosen Personen wachsen in hörenden Familien auf. Die Situationen der Betroffenen sind alle ziemlich ähnlich. Trotz verschiedener Stärken und Persönlichkeiten befinden sie sich in einer ähnlichen Situation. Die gehörlose Person ist in dieser Situation aus dem Familiengeschehen ausgeschlossen. Und das ergibt sich aufgrund fehlender Gebärdensprachkenntnisse und durch fehlenden Zugang zu vollwertiger Kommunikation. Das hat zur Folge, dass die gehörlose Person in Isolation gerät. Weihnachten und Familienfeiern sind ja stereotypisch für dieses Zusammensitzen. Bei diesen Feiern wird lautsprachlich miteinander kommuniziert und die gehörlose Person ist nicht involviert. Das ist ein unglaublich belastendes Gefühl, sich nicht zugehörig zu fühlen. Körperlich ist man zwar anwesend, aber gedanklich ist man von der Kommunikation ausgeschlossen. Wenn die gehörlose Person dann fragt, worum es gerade geht, wird sie oft auf später vertröstet. Häufig sagt die Familie dann auch, es wurde eh nichts Wichtiges besprochen. Mit solchen Aussagen konfrontiert, sinkt der Selbstwert automatisch. Das zieht schwerwiegende psychische Folgen nach sich. Hier wird die Isolation noch einmal verstärkt. Diese Situation kann bei gehörlosen Personen zu Depressionen oder Traumata führen. Oft bringt es ein allgemeines Gefühl mit sich, von Kommunikation ausgeschlossen zu sein. Da gibt es schon einige Faktoren. Deshalb ist der gebärdensprachliche Ausgleich durch die Gehörlosencommunity so wichtig. Es geht hier nicht nur darum, dass man traurig ist, weil man nicht dabei ist. Man verpasst ein wenig Inhalt und geht wieder nach Hause. Es geht hier wirklich um tiefsitzende Belastungen, die die Betroffenen erleiden. Dasselbe gilt für Informationen, von denen man nichts mitbekommt. Das heißt, man weiß eigentlich überhaupt nicht, was es für Neuigkeiten gibt. Man bekommt rein gar nichts mit bzw. ist immer die letzte Person, die es erfährt. Das ist auch belastend, wenn einem alle anderen Personen voraus sind. Man wird ständig nachgereiht.

[GW.tv]: Das ist wirklich nicht einfach. Die Familie fordert dann oft auf, das Hörgerät zu verwenden und von den Lippen abzulesen. Wie kann man das mitteilen, dass das so eigentlich nicht geht?

[Spelbrink]: Ja, da hast du recht. Das passiert oft in Familien. Es wird oft gesagt: „Hol dir doch dein Hörgerät, dann verstehst du uns besser.“ Oder es wird gesagt: Schau genau hin, dann kannst du von den Lippen ablesen usw. Dabei ist der Familie vermutlich gar nicht bewusst, wie kognitiv anstrengend es ist, ständig aufmerksam von den Lippen zu lesen. Das ist wahnsinnig mühsam, durchgehend konzentriert auf das Lippenlesen zu sein. Und das ist dem familiären Umfeld meist nicht bewusst. Es ist die gehörlose Person, die sich da ständig dem Umfeld anpasst. Die eigenen Bedürfnisse werden dabei dauernd hinten angestellt. Man sieht, dass im familiären Umfeld die Aufklärung fehlt, was es bedeutet, gehörlos zu sein, also auch, was die Lebensrealität gehörloser Personen ist. Das zieht wirklich langfristige und weitreichende Folgen nach sich. Diese Schwierigkeiten bleiben dann oft langfristig bestehen.

[GW.tv]: Das war nun ein guter Einblick, was die Problematik des Dinner Table Syndroms betrifft. Gibt es bereits Lösungsansätze?

[Spelbrink]: Ja, ein paar Möglichkeiten gibt es durchaus. Gehörlose Personen haben zum Teil auch individuelle Lösungen gefunden. Bei recht großen Familienfeiern ziehen manche gehörlose Personen Dolmetschung hinzu. So kann man wirklich angenehm und entspannt dem Gespräch folgen. Wenn man selbst etwas zum Gespräch beitragen möchte, kann man das gebärdensprachlich tun. Dadurch ist man Teil der Unterhaltung und hat Zugang zum Familiengeschehen. Umgekehrt wird man aber auch mehr gesehen, wenn man sich an der Kommunikation beteiligen kann. So kann auch das hörende Umfeld einen besseren Einblick bekommen, wie die gehörlose Person denkt und ist. Sonst bleibt das ja aufgrund fehlender Kommunikation verborgen. Wie gesagt, mit Dolmetschung ist das eine Möglichkeit. Bei kleineren Familienzusammenkünften kann man sich notfalls mit dem Handy helfen. Da gibt es eine App, die Live-Untertitel erstellt.

[GW.tv]: Ja, genau. Da wird das Gesprochene in schriftlichen Text umgewandelt.

[Spelbrink]: Ja, aber das funktioniert nur, wenn nur eine Person spricht. Sobald sich mehrere Personen zugleich unterhalten, ist es technisch nicht mehr möglich. Also zumindest mit österreichischem Deutsch funktioniert das noch nicht. Vielleicht ist es für bestimmte Sprachen wie Englisch dank KI schon möglich, mehrere Sprecher:innen zu erkennen. In Österreich sind wir noch nicht so weit. Ansonsten ist das zumindest eine technische Zwischenlösung. Ein weiterer Lösungsansatz ist es, eine zweite gehörlose Person mitzunehmen, egal ob das ein:e Partner:in oder Freund:in ist. Dann fühlt man sich nicht mehr so alleine bei der Familienfeier, weil man mit jemandem in Gebärdensprache kommunizieren kann. Die anderen Familienmitglieder nehmen dann auch wahr, dass wir uns in Gebärdensprache unterhalten. Wichtig ist auch, dass gehörlose Menschen lernen, selbst Grenzen zu setzen. Dass man zum Beispiel der Familie offen mitteilt, dass man nur ein oder zwei Stunden bei der Feier bleibt. Offen sagen, dass es sehr anstrengend ist, sich auf die Kommunikation zu konzentrieren. Das muss die Familie respektieren. Oft wird gesagt: „Aber geh, bleib doch noch ein oder zwei Stunden.“ Die Familie ist dann vielleicht sogar beleidigt, wenn man nur so kurz bleibt. Genau das ist es. Es ist den Menschen nicht bewusst, welches Gefühl da ausgelöst wird. Die Familie sieht es dann vielleicht wirklich als beleidigend. Die gehörlose Person traut sich dann oft nicht, Nein zu sagen, wenn sie gebeten wird, noch länger zu bleiben. Man befindet sich da im Zwiespalt. Man sollte aber offen seine Grenzen aufzeigen. Natürlich sollte man das höflich machen. Diese Möglichkeiten bzw. Vorschläge gibt es. Optimal wäre es natürlich, wenn die Familie Gebärdensprache kann. Das ist klar! In Gebärdensprache ist eine vollwertige Kommunikation gegeben. Eine gebärdensprachkompetente Person ist eine Vertrauensperson, mit der man sich unterhalten kann.

[GW.tv]: Wenn in Österreich eine Familie ein gehörloses Baby bekommt, dann wird immer schnell über die medizinischen Aspekte aufgeklärt. Wichtig ist aber auch die Information über Gebärdensprache. Dann gäbe es keine Sprachdeprivation und kein Dinner Table Syndrome. Wäre das die optimale Vorgehensweise?

[Spelbrink]: Ja, das ist extrem wichtig. Der medizinische Bereich hat den Erstkontakt mit den Eltern. Die Diagnose wird vom medizinischen Bereich gestellt. Wenn die Diagnose mitgeteilt wird, sollte zusätzlich über die Gebärdensprache informiert werden. Die Familie kann dann von Anfang an mit dem Kind mitlernen. Sie lernen gemeinsam Gebärdensprache und können dadurch eine viel engere Bindung und eine größere Vertrauensbasis aufbauen. Das wäre optimal.

[GW.tv]: Wenn das so wäre, dann gäbe es überhaupt kein Dinner Table Syndrome.

[Spelbrink]: Korrekt. Genau so ist es. Das stimmt.

[GW.tv]: Ich hoffe sehr, dass den Menschen, die im medizinischen Bereich in Österreich tätig sind, auch bewusst wird, dass eine Aufklärung erforderlich ist. Da braucht es wirklich noch ein Umdenken.

[Spelbrink]: Ja, genau.

[GW.tv]: Bleiben wir vielleicht gleich bei der Situation hier in Österreich. Ist gehörlosen Menschen selbst bewusst, dass viel über das Dinner Table Syndrome gesprochen wird? Oder ist das ein neues Thema, das erst vor kurzem aufgekommen ist? Wie ist da deine Wahrnehmung?

[Spelbrink]: Sehr weit verbreitet ist das Thema noch nicht. Es hängt auch stark davon ab, ob die Community sich dessen bewusst ist, dass es den Begriff „Dinner Table Syndrome“ gibt. Und auch, dass man reflektiert, ob man selbst davon betroffen ist. Vielen ist das nicht bewusst. Sie kennen die Situation nicht anders und sind daran gewöhnt. Man muss die Menschen darauf aufmerksam machen, dass sie davon betroffen sind und dass sie den Mut aufbringen sollen, ihre Grenzen aufzuzeigen. Die Diskussion zu diesem Thema ist noch nicht so weit verbreitet. Daher ist es besonders wichtig, darauf aufmerksam zu machen und das Thema publik zu machen. Nicht nur in der hörenden Welt, sondern auch in der gehörlosen Welt soll das Thema zu Diskussionen anregen und zu Vorschlägen, wie das in Zukunft gelöst werden kann. Es ist wichtig, Bewusstsein dafür zu schaffen. Jetzt haben wir schon einiges über das Dinner Table Syndrome besprochen.

[GW.tv]: Seid ihr selbst auch betroffen oder kennt ihr jemanden, auf den das zutrifft? Los geht’s, tauscht euch aus und diskutiert darüber! Dieses Thema ist wirklich extrem wichtig. Möchtest du abschließend noch etwas ergänzen? Welche Botschaft möchtest du unseren Zuseher:innen mit auf den Weg geben?

[Spelbrink]: Wichtig ist Folgendes: Gehörlose Menschen, die vom Dinner Table Syndrome betroffen sind, haben oft das Gefühl, dass sie das Leben versäumen oder ausgeschlossen werden. Aber keine Sorge! Wichtig ist zuerst einmal das Bewusstsein, dass es diesen Begriff gibt und dass man selbst davon betroffen ist. Vielleicht könnt ihr eure Familie und eure Freund:innen darauf hinweisen, um Bewusstsein zu schaffen. Das familiäre Umfeld lernt dann vieles dazu und so kann eine Veränderung stattfinden. Das ist ein Prozess, der die Situation zum Positiven verändern kann. Mehr Dolmetscher:innen hinzuziehen und mehr technische Hilfsmittel verwenden. So können gehörlose Menschen jetzt etwas verändern. Für Veränderung ist es niemals zu spät. Besser jetzt als nie. Das ist meine Meinung. Gehörlose ermutigen, das aufzuzeigen und ein Bewusstsein zu schaffen.

[GW.tv]: Toll! Vielen Dank für das Gespräch zu diesem wichtigen Thema! Dass auch in Österreich das Bewusstsein dafür geschaffen werden kann. Vielen Dank!

[Spelbrink]: Gerne. Auch ich sage Danke!

[GW.tv]: Jetzt wünsche ich euch Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!


Foto/Video Credits: Gebärdenwelt.tv
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