Als der Diversity Ball Videos mit falschen ÖGS-Vokabeln gepostet hat, haben sich viele gefragt, warum eine gehörlose Person dieses Videos nicht aufgenommen hat. Als gehörloser Botschafter vom Ball wäre Atilla Gum die logische Wahl für diese Aufgabe. Wir haben ihn zu diesem Vorfall und seiner Funktion gefragt.
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Transkript:
[GW.tv]: Hallo, heute unterhalten wir uns über den Diversity Ball. Dieses Thema wird gerade innerhalb der Gehörlosencommunity diskutiert. Magst du dich kurz vorstellen?
[Atilla Gum]: Hallo, mein Name ist Atilla [Gebärdenname] Gum. Ich bin gehörloser Botschafter für den Diversity Ball. Deshalb bin ich heute hier. Danke für die Einladung.
[GW.tv]: Danke fürs Kommen.Der Diversity Ball hat also einen eigenen gehörlosen Botschafter. Wie wurdest du ausgewählt? Wie ist das abgelaufen?
[Atilla Gum]: Da muss ich dazusagen, dass ich nicht der einzige Diversity Ball Botschafter bin. Es gibt eine zweite Person, mit der ich diese Rolle teile. Du hast gefragt, wie ich ausgewählt wurde. Ich bin bei unterschiedlichen Events immer wieder auf Monika getroffen. Wir haben uns oft zu Themen wie barrierefreier Gestaltung und Umsetzung ausgetauscht. Irgendwann hat sie mich dann gefragt, ob ich als Diversity Ball Botschafter tätig sein will. Ich fand das eine gute Idee und so kam es ins Laufen.
[GW.tv]: Was zählt da so zu deinen Aufgaben als Botschafter beim Diversity Ball?
[Atilla Gum]: Meine Verantwortung liegt ganz klar in der Sichtbarmachung von ÖGS. Das gilt z.B. auch für das Team, welches ja nicht nur aus der Geschäftsführerin Monika besteht. Meine Aufgabe ist es, diese Teammitglieder im Umgang mit gehörlosen Personen zu schulen. Sie hatten da ja noch wirklich keine Erfahrung. Da ist sehr viel Erklärungsbedarf. Monika fand es nicht so gut, dass sie das immer macht, deshalb kam der Wunsch, eine gehörlose Person einzusetzen. Ich kläre also zu Gehörlosigkeit auf und erkläre, was es zu beachten gibt. Da geht es darum, das Team Schritt für Schritt ordentlich zu diesen Themen zu schulen. Man sagte mir, dass da eben Bedarf im Team besteht. Ich war dann erstmalig zu einem Teammeeting eingeladen. Da ging es um das Programm und die Veranstaltung im Allgemeinen. Ich gab ein paar kleine Inputs dazu, was man für die Umsetzung mitnehmen könnte. Also ich teilte meine Ideen zum Thema Gehörlosigkeit mit. Auch Öffentlichkeitsarbeit fällt in meinen Bereich. Das sind bspw. Reden, Fotokampagnen oder Pressekonferenzen. Da bin ich dann mit Dolmetschung vor Ort und mache gehörlose Menschen sichtbar. Für Publikum soll es selbstverständlich werden, dass es gehörlose Personen und unterschiedliche Formen von Behinderung gibt. Das möchten wir sichtbar machen.
Als ich gefragt wurde, dachte ich mir, dass ich ja auch selbständig bin und mich gerne vernetze. Das passte also gut. Die zweite Botschafterin ist Bianca Schönhofer. Das passt auch gut, da sie auch als Model tätig ist. Okay, sehr interessant.
[GW.tv]: Vielleicht hast du schon mitbekommen, dass in der Community ein Thema gerade besonders diskutiert wird. Es geht dabei um ein Video zum Diversity Ball, welches auf Social Media gepostet wurde. Dabei haben sich für die Community zwei große Problematiken ergeben. Das erste Problem ist, dass es eine hörende Person ist. Das zweite Problem ist, dass die Person Gebärden falsch zeigt. Die Vokabel, die sie zeigt, gebärdet sie falsch.
Wusstest du im Vorhinein von diesem Post? Oder hast du erst durch die kritische Reaktion der Community davon erfahren?
[Atilla Gum]: Ganz ehrlich, ich habe davor nichts davon mitbekommen. Das Team ist auch sehr groß und da spielt sich viel ab. Es gibt hier aber zwei verschiedene Sachen. Das Team des Diversity Balls. Dort werden Konzepte und Ideen für Social Media ausgearbeitet. Diese werden dann an eine externe Agentur übergeben. Das ist eine Firma im Bereich Social Media Kommunikation. Dort wird die Ideensammlung noch erweitert und dann z.B. Monika gebeten, noch ein paar Gebärden aufzunehmen. Monika hat das dann so gemacht, wie von der Agentur vorgesehen. So hat sich das dann ergeben. Sie wusste auch nicht, was dann mit den Videos gemacht wird. Dieses Material wurde dann gesammelt und dann schlussendlich veröffentlicht. Aber die ersten Posts erregten wenig Aufmerksamkeit. Erst beim Post zu Body Positivity, wo das Video auf der zweiten Slide zu sehen war, kam Kritik. Das stimmt, die Gebärde wurde falsch gezeigt. Wenn man den Post öffnete, waren zudem sehr viel Hasskommentare zu lesen. Ich war erstaunt. Ich habe da aber auch noch nicht sofort bemerkt, was los ist. Ich habe mir eigentlich nicht so viel dazu gedacht, bis mich eine Person direkt darauf angesprochen hat. Ich wurde gefragt: Hast du das Video mit den falschen Gebärden gesehen? Findest du das okay? Ich dachte mir, moment mal. Ich habe es ja noch gar nicht gesehen. Ich habe dann mein Handy genommen und selbst nachgeschaut. Ja, stimmt. Die Gebärden waren falsch. Ja, ist so. Und ja, es wurde eine hörende Person genommen. Ja klar, da frage ich mich auch, warum keine gehörlose Person genommen wird! Da hat wohl diese externe Agentur nicht mitgedacht. Ich habe mit denen auch nichts zu tun. Ich bin nur mit dem Diversity Ball Team in Kontakt. Ja, blöd und da war es schon geschehen. Da muss sich etwas ändern und man muss wirklich einen anderen Weg finden! Danach das Gespräch suchen ist zu spät, es muss zuvor ganz klar besprochen werden. Es darf nicht immer alles schnell, schnell gemacht werden – hauptsache es wird etwas veröffentlicht. Das ist der falsche Weg. Man muss genau überlegen, wer veröffentlicht wird und zu welchem Thema. Wenn all diese Fragen geklärt sind und alles passt, dann kann man erst veröffentlichen. Dazu braucht es davor eine Besprechung. Und nicht, dass einfach so etwas umgesetzt wird.
[GW.tv]: Okay, so hat sich diese Situation also ergeben. Es stellt sich die Frage, was ihr jetzt daraus macht. Zunächst einmal ist die Frage, wie gehst du als Botschafter damit um? Und wie geht das Diversity Ball Team in Zukunft darauf ein?
[Atilla Gum]: Wenn soetwas passiert, ist es wichtig, danach nicht still zu sein. Deshalb haben wir gleich eine Teambesprechung vereinbart. Dazu war ich heute eingeladen. Da habe ich nochmal betont, was für gehörlose Personen wichtig ist. Ich habe gesagt, worauf man achten muss und dass es in Zukunft mehr Zusammenarbeit mit gehörlosen Personen braucht. Es ist schön, wenn ich da alleine hinkomme, aber das ist nicht genug! Es ist wichtig, dass mehrere verschiedene Personen vertreten sind! Nicht nur ich als gehörloser Mann, es gibt ja gehörlose Personen mit verschiedensten Lebenshintergründen. Frauen sollen auch vertreten sein. Unterschiedliche Formen von Behinderung sind bereits vertreten. Aber bei uns gehörlosen Personen kommt auch noch der sprachliche Aspekt dazu. Die Sichtbarkeit der ÖGS hat hier Priorität. Dann kann erst ein Austausch stattfinden, der Verbesserungen für die Zukunft bringt. So kann man Interessenskonflikte und Missverständnisse schon vorher aus dem Weg räumen. Dann läuft es automatisch besser und da braucht es mehr Zusammenhalt.
[GW.tv]: Von dem aktuellen Vorfall bis zum nächsten Diversity Ball im September ist ja noch Zeit. Kannst du dir vorstellen, dass in dieser Zeit Vokabel von gehörlosen Personen gezeigt werden?
[Atilla Gum]: Ja, also wir haben heute bereits gefilmt und da habe ich gebärdet. Das mit den Vokabeln habe jetzt ich als Diversity Ball Botschafter übernommen. Als nächstes ist geplant, dass ich die Getränkekarte für den Ballabend gebärde. Eine dritte Sache ist noch in ÖGS geplant, aber das wurde noch nicht ganz fixiert. Da wird gerade noch gesammelt. Aber sobald die Vokabelliste fertig ist, bekomme ich sie und nehme die Gebärden in einem Video auf. Für ÖGS soll das wirklich eine gehörlose Person machen. Das war mit der Agentur wirklich ein Missverständnis, dass da etwas einfach so veröffentlicht wurde. Das war auch gar nicht so gemeint. Ja, darum ist wichtig, dass das eine gehörlose Person macht.
[GW.tv]: Gut, eine letzte Frage habe ich noch. Was wünscht du dir für den kommenden Diversity Ball?
[Atilla Gum]: Es sind eigentlich keine Wünsche, es sind Ziele, die ich habe. Ziel ist es, alle Menschen willkommen zu heißen – ob mit oder ohne Behinderung und unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. So ist das Ziel. Diese Vision dann auch in der Realität umzusetzen, ist durchaus herausfordernd. Das erfordert bauliche, technische und personelle Maßnahmen. Aber das ist der erste Schritt, um ein gutes Programm auszuarbeiten. Zum Programm kann ich kurz etwas sagen. Insgesamt sind 7 Dolmetscher:innen für ÖGS und Deutsch eingeplant. Das bedeutet, dass das Programm auf der Bühne durchgehend in ÖGS gedolmetscht wird. Dann kommen noch zwei gehörlose Personen mit ihrer Performance dazu, die sich abwechseln. Also wird durchgehend etwas Gebärdensprachliches angeboten. Zusätzlich soll es auch Vibrationswesten geben. Auch ein Deaf Space ist geplant. Den Deaf Space möchten wir größer und so, dass man die Musik auch über den Boden wahrnehmen kann. Auch die Lichtgestaltung passen wir an. Letztes Jahr gab es ja die Rückmeldung, dass der Deaf Space zu grell ausgeleuchtet war. Die Lichtgestaltung sollte auch ein bisschen abwechslungsreicher sein und für Stimmung sorgen. Das sind so kleine Änderungen. Das Team hat da ja keine Ahnung, was es braucht. Da habe ich dann meine Vorschläge eingebracht. Das Ziel ist, dass alle Personen die Möglichkeit haben, an ihre Bedürfnisse angepasst teilzunehmen. Es soll einfach jede:r bekommen, was er:sie braucht. So ist das Ziel des Diversity Balls und für alle Besucher:innen.
Ja, genau. Ah, da fällt mir noch etwas ein. Es gibt ja auch Communication Angels, vielleicht hast du das schon mitbekommen?
[GW.tv]: Du meinst Personen, die gebärdensprachlich begleiten oder assistieren – Dolmetschen unter Anführungszeichen.
[Atilla Gum]: Ja, das darf man nicht mit offiziellen Dolmetscher:innen verwechseln.
[GW.tv]: Jaja, das meine ich ja, dass sie nicht dolmetschen. Sie unterstützen in der Kommunikation, oder?
[Atilla Gum]: Ja, wenn sich hörende und gehörlose Personen im Gespräch in einer Sackgasse befinden. Dann kommt ein Communication Angel und versucht hier zu vermitteln. Da geht es darum, Brücken zu bauen. Insgesamt stehen 20 Communication Angels zur Verfügung. Ich denke, das ist ein Schritt in die richtige Richtung und etwas Gutes. Die Leute sollen auch sehen, dass es verschiedene Formen gibt. Vielleicht nehmen sich manche hörende Personen auch Ideen für eigene zukünftige Veranstaltungen mit. Vielleicht bestellen sie dann auch eine:n Dolmetscher:in. Oder nutzen Communication Angels, oder Assistenz – das gibt es ja offiziell so mit diesem Namen nicht. Trotzdem sorgt es für ein bisschen Anregung. Beim Diversity Ball soll auch kulturelle Förderung passieren und das sehe ich da eben auch.
[GW.tv]: Vielen, vielen Dank für deine Erzählungen! Sehr spannend, wie du als gehörloser Botschafter für den Diversity Ball arbeitest. Das ist wichtig, dass du uns darüber erzählst! So können wir verschiedene Blickwinkel einnehmen. Wichtig ist, dass es zusammen weiter geht.
[Atilla Gum]: Auch danke von mir.
[GW.tv]: Danke!
