Bei der Zero Project Conference 2026 in der Wiener UNO-City fand heuer auch ein eigenes Treffen der European Society for Mental Health and Deafness (ESMHD) statt — der europäischen Fachgesellschaft für psychische Gesundheit und Gehörlosigkeit. Wir sprachen mit Dr. Johannes Fellinger, Gründer der ersten Gehörlosenambulanz Österreichs und seit 35 Jahren in der ESMHD aktiv. Im Interview erklärt er, warum Gehörlosigkeit als kulturelles Thema sichtbar bleiben muss und weshalb echte Veränderung dort beginnt, wo wir uns von Menschen und ihrer Not berühren lassen.
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Transkript:
gebärdenwelt.tv: Ich freue mich sehr, dass wir uns hier sehen und dass es auch hier bei der Zero Konferenz eine ganz neue Konferenz gibt. Das ist eine eigene Konferenz der „European Society for Mental Health for the Deaf“. Wie ist die Idee entstanden? Vielleicht kannst du ganz kurz etwas dazu sagen?
Dr. Fellinger: Die Europäische Gesellschaft für psychische Gesundheit und Gehörlosigkeit gibt es schon fast 40 Jahre, etwa 35 oder 36 Jahre. Ich bin seit 35 Jahren dabei und wie jede Gesellschaft gibt es ein Auf und Ab. Es ist nicht leicht, alles immer wieder zu organisieren. Dann kam mir die Idee, dass man das kombinieren könnte. Ich wurde von der Zero Konferenz eingeladen, mich für das Thema Gesundheit und Gesundheitszugang für Menschen mit Behinderungen einzusetzen und etwas aufzubauen. Man kannte mich in Wien und wusste von den Gehörlosen-Ambulanzen und den anderen Ambulanzen, die in Österreich entstanden sind. Da habe ich mir gedacht: Wenn ich schon mitarbeite, dann könnte das auch eine Chance sein, die europäische Gesellschaft hier zu beherbergen. Es war großartig, dass die Zero Konferenz und Martin Essl sofort gesagt haben: „Ja, ohne zusätzliche Kosten.“ Das war die Chance, dass man sich wieder trifft. Man sieht jetzt auch das große Interesse und das Bedürfnis, sich in diesem Fachgebiet auszutauschen. Es wäre sehr schade, wenn das Thema Gehörlosigkeit einfach im allgemeinen Bereich „Access to Health Care for Disabilities“ untergehen würde. Gehörlosigkeit ist etwas ganz Besonderes, das ernst genommen werden muss und nicht in der allgemeinen Behindertenpolitik verschwinden darf. Es ist auch eine kulturelle Frage und nicht nur eine Frage von Behinderung.
gebärdenwelt.tv: Wie ist der Plan für diese Konferenz? Soll sie regelmäßig stattfinden?
Dr. Fellinger: Das ist eine sehr gute Frage. Es gibt die europäische Gesellschaft mit ihren europäischen Konferenzen, die normalerweise alle drei Jahre stattfinden – allerdings hat schon lange keine mehr stattgefunden. Ob das künftig mit der Zero Konferenz verbunden werden kann oder ob sich andere Möglichkeiten ergeben, kann ich noch nicht sagen. Das hier war etwas ganz Besonderes. Ich denke, die neue Leitungsgruppe wird sich überlegen, wo solche Treffen künftig stattfinden können. Ich werde aber auf jeden Fall mit meinen Freunden von der Zero Konferenz im Gespräch bleiben. Vielleicht könnte Wien als internationale Konferenzstadt und mit der Zero Konferenz auch künftig ein wunderbarer Ort sein, an dem sich die europäische Gesellschaft von Zeit zu Zeit trifft. Aber das möchte ich nicht vorwegnehmen.
gebärdenwelt.tv: Verstehe. Du warst ja auch im Team der Zero Konferenz, das sieht man auch an deinem Button. Wie ist die Vision? Wie sieht die Zukunft aus? Gibt es Ideen, wie es weitergeht?
Dr. Fellinger: Das wirklich Schöne an der Zero Konferenz ist etwas, das ich sonst nirgendwo auf der Welt erlebt habe: Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und Stärken begegnen sich hier auf eine sehr friedliche Weise. Überall stehen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung, obwohl das einer der größten Kostenfaktoren ist. Man bemüht sich wirklich, Barrierefreiheit auf dem Gelände der UNO zu leben. Das ist etwas ganz Besonderes. Außerdem lernt man unglaublich viel voneinander. Es ist großartig, wenn die hohe Expertise der Gehörlosengemeinschaft auch in andere Bereiche von Behinderung eingebracht werden kann, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben.
gebärdenwelt.tv: Du hast ja auch einen kurzen Vortrag gehalten. Was ist deine wichtigste Botschaft?
Dr. Fellinger: Meine Kernaussage ist ganz einfach: Lass dich von dem Menschen berühren, der auf dich zukommt und dessen Not du spürst – auch wenn dich diese Not zunächst überfordert. Bleib bei diesem Menschen und geh die nächsten Schritte gemeinsam mit ihm. Dann werden sich automatisch neue Wege eröffnen. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass aus dieser persönlichen Betroffenheit auch die Kraft entsteht, sich politisch einzusetzen. Mitgefühl und Erschütterung, wenn man die Geschichten der Menschen kennt – und ich kenne viele davon –, sind die Grundlage dafür, dass sich wirklich etwas bewegt. Es gibt auch Menschen, die nur noch auf politischer Ebene diskutieren, ohne persönlich betroffen zu sein. Aber dort bewegt sich oft nicht mehr viel.
gebärdenwelt.tv: Zum Abschluss: Kannst du uns noch etwas Positives mitgeben?
Dr. Fellinger: Was ich mit voller Überzeugung sagen kann, ist, dass wir die Stärken von Menschen sehen müssen. Lebensqualität und psychische Gesundheit dürfen nicht nur Schlagworte sein. Wir müssen sie auch bei Menschen erkennen, die große Herausforderungen im Leben haben. Es ist wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, wie glücklich jeder Mensch leben kann, auch wenn es nicht leicht ist, Hindernisse zu überwinden. Das ist meine erste positive Botschaft. Die zweite ist: Gesellschaftspolitisch hat bereits ein Umdenken begonnen. Menschen mit Behinderungen werden heute anders wahrgenommen als früher. Ich arbeite viel in der Ausbildung von Medizinerinnen und Medizinern und sehe eine neue Generation, die offen ist und sich ganz bewusst Menschen zuwendet, die ein wenig anders sind. Diese jungen Menschen erleben selbst, wie viel Sinn und Freude daraus entstehen kann. Das ist eine große Chance, die wir jetzt nutzen sollten.
