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Warum die Taube „Taube“ heißt 8. Teil

Wohin sie gehen würden, war nicht entschieden, sie waren es gewohnt, unterwegs zu sein, ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben. Marino war sehr tapfer, aber von Franziska fortzumüssen war eine schwere Prüfung für ihn. Auch die tröstenden Gebärden seiner Mutter konnten ihm nicht helfen. Bisher hatte sie immer einen guten Rat gehabt, doch diesmal schien es, als wären ihre Gebärden ohne Bedeutung. Er fühlte nur eine starke Sehnsucht, Franziska noch einmal zu sehen, und doch wusste er, dass dies nicht möglich sein würde.

Die Schlossbewohner waren so beschäftigt, sich selbst, Franziska, Marino oder sonst jemanden zu bedauern, dass sie nicht bemerkten, wie Marino und seine Mutter den Hof verließen. Niemand hatte gesehen, wie sie fortgingen, und auch in welche Richtung sie unterwegs waren, blieb ihr Geheimnis. Stunden später, als sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte, wollte der Minister persönlich den beiden die Entscheidung des Königs überbringen.

Mit triumphierendem Gesichtsausdruck klopfte er an die Zimmertüre der beiden, doch er musste feststellen, dass sie nicht mehr da waren. Man suchte sie im ganzen Schloss, doch sie blieben unauffindbar. Wie Leid tat es dem König, dass er sich nicht mehr bei ihnen bedanken hatte können, und für den Rest des Tages zog er sich zurück und wünschte nicht mehr gestört zu werden. Damals wie heute pflegten Könige nicht in der Öffentlichkeit zu weinen und so bleib ihm nichts übrig, als in seinem Zimmer mit seinem Kummer alleine zu bleiben.

Was geschah mit Franziska? Sie richtete seit dem Tag, an dem Marino fort war, keine Gebärde mehr an irgendeinen Menschen. Sie blieb in ihrem Zimmer, sie aß nichts, sie trank nichts und sie schickte alle Menschen fort.

Der Arzt war voller Sorge um Franziskas Gesundheit, denn kein Mensch konnte lange Zeit so leben. Sie verweigerte jeglichen Kontakt zu ihren Eltern, stand nur am Fenster und schien zu warten. Voller Sehnsucht beobachtete sie den Himmel und war einsamer als zuvor. Marino hatte seine beiden wunderbaren Vögel mitgenommen. Wie gerne hätte sie wenigsten ihre Gesellschaft genossen. Ihre Vögel konnten sie nicht trösten. Die Vögel von Marino schienen ihr die schönsten Vögel der Welt. Keine anderen konnten sie ein wenig glücklich machen.

Doch da geschah ein Wunder, vor ihrem Fenster flatterte zuerst einer, dann der zweite Vogel. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, es konnte nicht wahr sein, sie musste träumen. Marino war doch schon weit weg, wie kamen die beiden Vögel zu ihrem Fenster? Schnell öffnete sie die großen Läden der Schlossfenster und ließ ihre Freunde herein. Ein Vogel setzte sich auf ihre linke, der andere auf ihre rechte Schulter. Sofort bemerkte sie, dass an den Halsbändern der Vögel kleine weiße Zettel befestigt waren. Mit zitternden Fingern löste sie die Zettel ab und las, was darauf geschrieben stand.


Warum die Taube „Taube“ heißt
Herausgeber: Österreichischer Gehörlosenbund (ÖGLB), 1100 Wien
www.oeglb.at
Text: Norbert Pauser
Illustrationen: Mag.a Persida Popovitsch-Hon
Grafik: Christoph Letmaier
Druck: Manz Crossmedia GmbH & Co KG, Wien
ISBN 3-200-00375-8

Foto/Video Credits: Persida Popovitsch-Hon / Gebärdenwelt.tv
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