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Warum die Taube „Taube“ heißt 7. Teil

Am Abend, bevor sie zu Bett gingen, besprach sich der König mit der Königin. Er war sehr verzweifelt festzustellen, dass auch sie schon ihre Zweifel geäußert hatte, und als sie die Meinung des Ministers noch bestätigte, wurde der König sehr traurig. Er selbst hatte in seiner Jugend als Thronfolger vieler Entbehrungen erlebt und wollte seiner Tochter dieses Schicksal ersparen. Am nächsten Morgen sollte eine Entscheidung gefällt werden und sie musste endgültig sein. Nach einer unruhigen Nacht kam es am Morgen zur Einberufung einer königlichen Sondersitzung, alle waren gespannt, was der König wohl verkünden würde.

Der Minister konnte sich auf kein Wort der einleitenden Rede des Königs konzentrieren, nur das eine wollte er hören: Marino und seine Mutter mussten fort vom Hof, fort aus dem Schloss für immer und ewig. Er hatte seit geraumer Zeit eine Bedrohung für sein zukünftiges Amt gesehen, sein Ziel war die Nachfolge des Königs und ihm war jedes Mittel recht. Nichts konnte ihn von seinem Vorhaben abbringen, am allerwenigsten ein tauber Bettlersohn. Aber er war sicher, dass der König seinen Forderungen nachgeben würde, war er doch ein schwacher Mann, und schon oft hatte der Minister mit größeren und kleineren Listen seine Vorstellungen für das Land und die Zukunft des Landes durchsetzen können. Und so geschah es, dass der königliche Beschluss verlautbart wurde, dass die beiden das Land binnen vierundzwanzig Stunden verlassen müssten.

Alle waren wie vom Blitz getroffen. Franziska, die mit Hilfe einer Übersetzung dem Vortrag folgen konnte, sprang auf und rannte aus den königlichen Hallen. Sie sperrte sich in ihr Turmzimmer ein. Dem König brach fast das Herz. Er war sich nicht sicher, ob seine Entscheidung richtig war, aber es gab es kein Zurück mehr, die Entscheidung war gefällt. Der Minister lehnte sich in seinen Stuhl und lächelte zufrieden, wieder einmal hatte er hoch gespielt und sein Einsatz hatte sich gelohnt. Wie leicht er doch den König um den Finger wickeln konnte! Er war sehr zufrieden mit sich.

In der Zwischenzeit war man im Schloss damit beschäftigt, die traurige Nachricht zu besprechen. Diesmal sah man die Hofdamen mit ihren kostbaren Taschentüchern, die sie an ihre Nase gepresst hielten und ohne Unterbrechung wechseln mussten. Die Minister diskutieren des Königs Entscheidung, und der Bischof begann schon für Marino zu beten, denn er wusste um die Verdienste des jungen Mannes für Franziska und es tat ihm sehr Leid, die beiden bald verabschieden zu müssen.

In kurzer Zeit waren im Schloss zwei Lager entstanden und jene, die für Marinos Verbleib waren, stritten mit den anderen, die für des Königs Entscheidung waren. Doch half all das nichts, denn Marino und seine Mutter begannen in der Zwischenzeit ihre Habseligkeit zu packen und ihre Vorbereitungen für die Reise ohne bestimmtes Ziel zu treffen.


Warum die Taube „Taube“ heißt
Herausgeber: Österreichischer Gehörlosenbund (ÖGLB), 1100 Wien
www.oeglb.at
Text: Norbert Pauser
Illustrationen: Mag.a Persida Popovitsch-Hon
Grafik: Christoph Letmaier
Druck: Manz Crossmedia GmbH & Co KG, Wien
ISBN 3-200-00375-8

Foto/Video Credits: Persida Popovitsch-Hon / Gebärdenwelt.tv
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