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Warum die Taube „Taube“ heißt 6. Teil

Es war unglaublich, mit welcher Schnelligkeit und Anmut sie schon nach wenigen Stunden gebärden konnte, als ob die Fähigkeit zu dieser Sprache schon lange in ihr geschlummert hätte und jetzt mit der Hilfe der weisen Frau und Marinos erwachte. Einzig der Minister war nicht gewilligt Gebärdensprache zu lernen und auch die Befehle der Königin halfen nicht. Man konnte die Verachtung in seinem Gesicht sehen. Er war nicht imstande einen einfachen Satz richtig zu formulieren. Schließlich gab man auf, nicht ohne sehr verwundert zu sein über die feindselige Haltung und das Misstrauen des Ministers. Offenbar fühlte er sich durch die Anwesenheit von Marino und seiner Mutter bedroht.

Die Zeit verging im Flug und schon waren die beiden drei Monate im Schloss. Franziska und Marino verbrachten viel Zeit miteinander. Jede freie Minute nützten sie, um im Park zu spazieren. Marino war ein unermüdlicher Lehrer und Franziska hatte unglaubliche Fortschritte gemacht. Seit ihrer Begegnung war Franziska wie verwandelt. Sie war aufgeblüht, oft konnte man schon von weitem das Lachen der beiden hören.  Franziska versuchte plötzlich mit den Schlossbewohnern Kontakt aufzunehmen. Die Gebärden sprudelten aus ihr heraus. Nach der jahrelangen Einsamkeit schien es, als wolle sie das Versäumte nachholen. Der König stand am Fenster und beobachtete die beiden, bekümmert musste er zu dem Schluss kommen, dass die offensichtliche Zuneigung der beiden füreinander in allen Punkten der Etikette des Hofes widersprach.

Als hätte der des Königs Gedanken gelesen, trat der Minister von hinten an den König heran und blickte besorgt in sein Gesicht. Nicht als Minister wolle er mit ihm sprechen, sondern als Freund des Königs.  Ob er sich schon überlegt habe, wie die Verbindung der beiden zu rechtfertigen wäre, ob es dem Stand einer Thronfolgerin entspreche, unentwegt mit den Armen zu fuchteln; noch dazu sei es alles andere als standesgemäß, mit einem Mann solcher Herkunft derart viel Zeit zu verbringen. Er zweifle an der Vollständigkeit dieser Sprache, vielmehr sei Gebärdensprache keine Sprache und für eine Prinzessin gezieme es sich bescheiden zu sitzen und nur dann zu sprechen, wenn man sie dazu auffordere. Auch erlaube er sich die höfliche Anfrage, wann der König gedenke, die Hochzeit der Prinzessin mit ihm bekannt zu geben. Der König konnte nicht anders als zuzugeben, dass der Minister Recht hatte, es tat ihm weh zu sehen, wie glücklich Franziska und Marino zusammen waren, denn die Unmöglichkeit der Verbindung war eindeutig. Der Minister beschwor den König, weitere Treffen der beiden zu untersagen. Er solle dem unstatthaften Treiben Einhalt gebieten, sogar die Regierungsgeschäfte würden vernachlässigt durch diese seltsamen Sprachkurse. Es wäre die Sicherheit des Landes ernsthaft gefährdet, wenn man nicht bald zur Tagesordnung überginge. Also versprach der König etwas zu unternehmen.


Warum die Taube „Taube“ heißt
Herausgeber: Österreichischer Gehörlosenbund (ÖGLB), 1100 Wien
www.oeglb.at
Text: Norbert Pauser
Illustrationen: Mag.a Persida Popovitsch-Hon
Grafik: Christoph Letmaier
Druck: Manz Crossmedia GmbH & Co KG, Wien
ISBN 3-200-00375-8

Foto/Video Credits: Persida Popovitsch-Hon / Gebärdenwelt.tv
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