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Fachgespräch mit Fiona Fiedler: Inklusive Bildung

Helene Jarmer: Hallo liebe Fiona, ich freue mich, dass du dir heute Zeit für das Interview, für unsere Aktionswoche nimmst. Ich war ja vor kurzem bei deinem Podcast und du hast mich interviewt und jetzt interviewe ich heute dich. Ich freue mich sehr. Hallo!

Fiona Fiedler: Hallo, vielen Dank für die Einladung, liebe Helene. Freue mich sehr, dass wir uns so wiedersehen. Auf diese Art und Weise. Bin schon gespannt. Freue mich schon.

Helene Jarmer: Du weißt ja, wir haben die Aktionswoche, die Internationale Woche der Gehörlosen und der Gebärdensprachen und wir haben einen Schwerpunkt in Österreich. Wir haben den Schwerpunkt Bildung in Österreich gewählt und das Thema Bildung und Gehörlosigkeit bzw. gehörlose Menschen und Bildung. Was denkst du bzw. was glaubst du, was das wichtigste Anliegen für gehörlose Menschen in Österreich ist, was das Thema Bildung betrifft?

Fiona Fiedler: Na ja, also ganz brandaktuell und wichtig ist natürlich die Einführung des Lehrplans für österreichische Gebärdensprache, damit die Kinder, die gehörlos sind, auch wirklich gut unterrichtet werden können und das ist ja auch ein Anliegen von uns. Das haben wir auch Gott sei Dank überparteilich gut einbringen können. War natürlich mit ein paar Schwierigkeiten verbunden, weil ja ein Lehrplan schon vorhanden war und schon im Ministerium gelegen ist. Der wurde jetzt noch einmal überarbeitet. Oder es geht eigentlich darum, den kompetenzorientiert zu machen. Wo ich sagen muss, als Lehrerin finde ich das gar nicht schlecht, weil man glaube ich auch Klassen übergreifend denken muss und einfach Kompetenzen erarbeiten sollte, auch in diesem Bereich. Aber es ist ganz wichtig, dass wir da genügend Gebärdensprachdolmetscher(*innen) in den Schulen haben, auch Lehrer*innen, Pädagog*innen, die die Gebärdensprache sprechen. Für mich sind es diese grundlegenden Dinge: ausreichend Personal, Pädagog*innen und wirklich der Lehrplan, dass der implementiert ist.

Helene Jarmer: Definitiv, ja. Wir hoffen, dass der Lehrplan, der jetzt implementiert wird, dann tatsächlich auch implementiert wird, mit den verschiedenen Arbeitsgruppen und jetzt weiterhin noch erarbeitet wird und auch tatsächlich dann zur Realität wird. Wir werden das natürlich beobachten und schauen, dass es nicht wieder in einer Schublade landet, trotz der Anerkennung jetzt. Der Minister Faßmann hat ja auch damals im Sommer einige Kolleginnen von uns getroffen. Hat dann auch gemeint, das wird dann auch passieren und eventuell schon ein bisschen früher als geplant.  Wir bleiben auf jeden Fall dran. Der Lehrplan ist ja für Kinder ab 6 Jahren gedacht. Da gibt es erste Ideen, was man für Kinder von 0 bis 6 machen könnte. Oftmals ist es so, dass Eltern genau in der Zeit ihre Kinder ja irgendwo auch irgendein Bildungsangebot anbieten möchte, aber nicht haben. Was denkst du oder welche Bedingungen gibt es da von deiner Seite?

Fiona Fiedler: Also für mich ist einmal ganz grundlegend in einem inklusiven Bildungssystem, dass wir den Kindergarten in dieses Bildungssystem holen, weil der Kindergarten jetzt in der Elementar-Pädagogik nicht im Bildungsministerium verankert ist. Da wird immer abgeschoben. Das machen die Länder, das ist Ländersache. Es geht den Bund nichts an, weil es die Kindergärten betrifft und der Kindergarten eigentlich unsere erste Bildungseinrichtung ist. Und deswegen ist es ganz wichtig, dass wir die Kinder dort auch mit einer Art Lehrplan oder mit Österreichischer Gebärdensprache versorgen und schauen, dass dort auch Kindergarten-Pädagog*innen dort sind, die Gebärdensprache sprechen, die das den Kindern näherbringen können. Auch spielerisch vielleicht. Und das sollten wir vielleicht dann auch in private Kindergruppen irgendwie mit hineinbringen und schauen, dass man auch vielleicht seine Kinder zu jemanden gibt, der Gebärdensprache spricht und der das auch kann. Und ich glaube, dass bis zum Eintritt in den Kindergarten es sehr schwierig ist das jetzt gesetzlich zu verankern. Dann müssen halt die Eltern wirklich dahinter sein, dass sie den Kindern das irgendwie vermitteln, da anzudocken. Es müsste wahrscheinlich ein öffentliches Angebot geben, Kurse für Eltern. Also es gibt ja Früherziehung und auch musikalische Früherziehung gibt es ja, wo man vor dem Kindergarten hingehen kann. Und wenn man da vielleicht einen österreichischen Gebärdensprach-Kurs auch anbieten könnte für werdende Eltern. Für Eltern, die frisch mit einem Kind auf der Welt sind und frisch in dieser Situation sind, dass sie sich da wirklich anmelden können, hingehen können, eine Anlaufstelle haben. Also das wäre so meine perfekte Idee von dem, dass es einfach für jeden einen Platz gibt, um das zu lernen.

Helene Jarmer: Absolut richtig. Ich meine, wir haben so etwas in Schweden. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, das gehörlos ist beispielsweise, dann bekommen die Eltern eine zweiwöchige Dienstfreistellung jährlich, wo sie dann auch die Gebärdensprache lernen dürfen und sollen. Dieser Kurs wird auch bezahlt. Bis zum fünften Lebensjahr des Kindes, wird das finanziert. So ein Modell wie in Schweden wäre auch für Österreich sehr, sehr gut. Wir bräuchten genau so etwas. Und ich denke gerade, wie du auch schon gesagt hast, dass die Eltern dort abgeholt werden sollten, wo sie gerade mit ihrem Kind stehen. Und es ist auch wichtig, dass die Eltern auch die Information bekommen, wie sie dann in ihrem Alltag mit den Kindern umgehen können.

Fiona Fiedler: Das ist ja auch ein großes Thema, wo ich also… gerade dieses Thema um die One-Stop-Shops. Es gibt ja nicht nur gehörlose Kinder, sondern viele, viele verschiedene Arten von Behinderungen, wo man einfach die Eltern wirklich unterstützen muss und wo man auf die Eltern zugehen muss und nicht warten soll, dass die Eltern zu einer Institution kommen. Und da haben wir verschiedene Ansätze, wie das funktionieren kann, dass sie wirklich die Kinderärzte einbinden. Der Kinderarzt ist der erste, der eine Behinderung unter Umständen feststellt, wenn es von Geburt an ist. Wenn es bei einem Unfall passiert, dann ist auch wieder der behandelnde Arzt derjenige, der das feststellt und der sagt Okay, da liegt jetzt eine Behinderung vor und da müsste sich eine Stelle einschalten. Meiner Meinung nach.  Die in die Familien geht, die nachhaken: Haben Sie alles, was sie brauchen? Wissen Sie, wo sie hingehen? Das ist einfach wichtig. Dass wir sagen, wir holen die Menschen ab und nicht die Menschen haben die Bringschuld, sich das zu holen, was ihnen zusteht. Weil ja auch oft dieses Bittstellertum ein großes Thema ist, weil die Menschen ohnehin schon eingeschränkt sind und dann noch einmal bitten und betteln müssen dafür, dass sie eigentlich das kriegen, was selbstverständlich sein soll.

Helene Jarmer: Da bin ich absolut deiner Meinung. Gerade was die Ärzte und Ärztinnen betrifft. Es braucht eine neutrale Beratung auch von Ärztinnen und Ärzten. Es ist halt oft so, dass diese medizinische Perspektive ganz stark einfließt. Natürlich, da geht es eher darum, dass quasi ein Defekt repariert wird, ein Mangel behoben wird oder halt eben etwas weg oder dazu operiert wird und seitdem die Österreichische Gebärdensprache in der österreichischen Verfassung verankert ist, 2005, ist es leider nicht so, dass sich so wie in Schweden Dinge verändert haben. Dass man sagt: Gut, die Gebärdensprache ist in der Verfassung verankert, das hat auch seinen eigenen Stellenwert und das muss man auch dementsprechend verfolgen und auch realisieren im Alter und wegen dieser Menschen. Das ist leider noch nicht der Fall, also wie haben diese Beratungsqualität, noch nicht in Österreich.

Fiona Fiedler: Ja, da haben wir großen Aufholbedarf. Das ist mir bewusst. Und da bin ich auch immer wieder dahinter, dass da etwas mehr weitergeht. Wie gesagt es gibt auch diese One-Stop-Shop-Thematik, die ja jetzt auf drei oder vier One-Stop-Shops hinausläuft. Da muss auch noch wirklich daran gearbeitet werden, dass es da eine Anlaufstelle gibt in Wahrheit. Und es ist natürlich… Also ich werde mir das Schweden-Modell noch genauer anschauen, wie wir das vielleicht auch zu uns bringen können. Das wäre sicher ein gutes Ding.

Helene Jarmer: Wunderbar! Der Nationale Aktionsplan, der derzeit noch bearbeitet wird, wo es auch um ein selbstbestimmtes Leben geht, um Partizipation geht. Es steht zwar am Papier und Papier ist ja grundsätzlich geduldig aber es gibt ja verschiedene Stufen der Selbstbestimmung. Die Menschen, die derzeit auch die Partizipation erleben, sind auf der Stufe, dass sie mitsprechen können. Aber mitentscheiden können sie noch nicht. Da ist zwar dieses Mitspracherecht dabei… Und wie denkst du, könnte man es schaffen, ihnen tatsächlich so weit die Möglichkeit zu geben, dass sie auch mitentscheiden können, auch bei diesen großen Entscheidungen, die getroffen werden?

Fiona Fiedler: Ich glaube, dass man da große Arbeit oder wir viel Arbeit vor uns haben. Diese Menschen einfach dazu zu bringen, sich noch mehr zu engagieren, sich noch mehr einzubinden und vielleicht auch politische Positionen einzunehmen, sich zu trauen und zu sagen: Ich kann es schaffen, vielleicht mit deinem Vorbild, weil du warst ja auch Abgeordnete im Nationalrat und einfach zu sagen auch wenn ich eine Behinderung habe, ich kann das genauso. Und es wird mir geholfen auf verschiedene Art und Weisen, mit persönlicher Assistenz, mit Dolmetschern, mit welcher Unterstützung man auch immer braucht. Aber ich glaube, dass wir gerade Menschen mit Behinderung…. es wird immer gesagt, es gibt zu wenige Vertreter, die wirklich betroffen sind im Parlament, wo ich sagen muss, wir haben das glaube ich schon einmal besprochen. Ich war da schon etwas gekränkt, weil ich mir gedacht habe, es wird mir abgesprochen, dass ich mich für diese Menschen gut einsetzen kann, nur weil ich keine Behinderung habe. Und ich glaube, dass wenn wir es schaffen, alle Menschen zu motivieren, sich politisch zu engagieren und wirklich zu sagen: Ich möchte etwas verändern, ich möchte für meine Community etwas verändern, ich möchte für meinen Lebensbereich etwas verändern, egal ob ich jetzt eine Behinderung habe, ob ich sexuell anders orientiert bin, ob ich eine andere Religion lebe oder, oder, oder. Wir müssen einfach hin zu einer inklusiven Gesellschaft und inklusive Gesellschaft heißt für mich nicht nur, dass wir auf Menschen mit Behinderungen achtgeben, sondern dass wir unsere Vielfalt, die wir hier in Österreich haben, einfach leben und einfach sagen: Es ist jeder so, wie er auf der Welt ist in Ordnung und jeder hat sein Recht, auf dieser Welt zu sein, ohne irgendeine Einschränkung. Und das würde ich mir wünschen, auch wenn jetzt… Also ich war in diesem Sommer kurz vor der Situation, dass ich mir Gedanken machen musste, ob mein Kind nachher noch reden kann oder nicht. Das sind schon Dinge, die einen bewegen und wo ich sage, es ist gut ausgegangen, es hat alles seinen Weg gefunden, aber wir hätten auch dann eine Lösung gefunden. Und ich möchte, dass auch wenn mir oder meinem Kind oder meiner Familie etwas passiert, dass wir unser Leben weiterleben können und, dass wir selbstbestimmt das tun können, was wir wollen. Und das möchte ich jedem zugestehen, egal woher er kommt, wen er liebt, ob er krank ist oder nicht, ob er eine Behinderung hat oder nicht. Das muss einfach komplett egal sein und es darf nicht immer erst jemanden, der an der Spitze ist, erwischen müssen, dass er durch einen Unfall oder durch was auch immer eine Behinderung bekommt. Dass er dann sagt: Ach, da sollte man vielleicht was tun. Also das wäre einfach ganz wichtig, dass man ein bisschen empathischer ist, auch an der Spitze. Und, dass man auch als Regierung sich hinsetzt und sagt: Diese Menschen haben wir in unserem Land, diese Menschen, diese Menschen, da gibt es ganz viele Gruppen und wir müssen alle erreichen. Und das ist es.

Helene Jarmer: Grundsätzlich bin ich da voll deiner Meinung. Also es braucht auch diese Entwicklung in der Gesellschaft. Auch dieses Bewusstsein in dieser Gesellschaft, dass wir in einer diversen Gesellschaft leben. Wir haben auch diesen Fürsorge-Gedanken. Oftmals gibt es wir müssen uns für die anderen einsetzen. Welche können wir nicht. So wie du das formuliert es ist das Idealbild, dass quasi jeder gleichgestellt ist und jeder das Recht hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Vielleicht möchtest du noch zum Abschluss ein persönliches Statement abgeben, was für dich wichtig wäre, gehörlosen Menschen mitzuteilen, ob das jetzt deren Anliegen sind, für die du sprichst oder ein Anliegen, wo du denkst, dass es gut für sie wäre, hättest du noch ein Abschluss-Statement für die ganze Gehörlosen-Community in Österreich?

Fiona Fiedler: Also ich würde mir wünschen, dass wirklich jeder gehörlose Mensch erstens die Unterstützung bekommt, die er braucht, damit er selbstbestimmt leben kann. Dass es keine Frage mehr ist. Und, dass es kein Bitten und Betteln mehr ist. Das wünsche ich den Menschen. Und als Botschaft würde ich einfach mitgeben, sich auf die Füße zu stellen, zu zeigen, was in den Menschen steckt. Zeigt, was in euch steckt. Stellt euch auf die Beine und macht einfach das, wozu ihr Lust habt, mit allen Hürden, die jetzt noch da sind. Aber irgendwann wird es besser und ich werde nicht aufhören, dafür zu kämpfen.

Helene Jarmer: Vielen Dank!  Ein sehr schönes Abschluss-Statement, Fiona, ich danke dir für deine Zeit und für das Interview.

Fiona Fiedler: Danke auch!

Helene Jarmer: Bis bald.

Fiona Fiedler: Bis bald.

Übersetzung: Delil Yilmaz

 

Foto/Video Credits: ÖGLB / Gebärdenwelt.Tv
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