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Filmvorführung "Seeing Voices" mit anschließender bildungspolitischer Diskussion

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Mag.a Helene Jarmer, Abg.z. Nationalrat: "Schön, dass Sie hier sind. Einige kennen ihn, einige nicht - hier unser Regisseur Dariusz Kowalski, ich begrüße ihn auch heute hier. Er hat diesen Film gemacht, das ist wirklich einer der größten Dokumentarfilme für die Gehörlosen-Community und auch mit dem Schwerpunkt Bildung. Gut. Ich möchte euch ganz kurz informieren über einige Punkte: dieser Film, den Sie heute hier sehen werden, ist eine verkürzte Fassung vom Originalfilm, denn wir verfolgen heute ein anders Ziel. Es gibt eine politische Diskussion hier gemeinsam zu führen mit BildungssprecherInnen."


Dr. Kurz Scholz, amtsführender Stadtschulratspräsident a.D.: "Dann würde ich Sie bitten - ich sehe von hier aus so schlecht, aber wenn Sie die erste waren, bitte, fangen Sie an."

Meldungen aus dem Publikum.

Meldung 1: "ÖGS ist, wie wir gehört haben, eine anerkannte Amtssprache in Österreich. Das ist schon ein wichtiger Punkt, den es festzuhalten gibt. So, und jetzt sind wir an einer Schule mit unserer Tochter und ich habe dort einmal angefragt, warum es denn nicht möglich ist, zumindest die Gebärdensprache einmal pro Woche oder wie oft auch immer, als Wahlpflichtfach einzuführen. Warum? Dass die Kinder ganz einfach einmal damit konfrontiert werden. Dass die einmal sehen, okay, da spricht jemand mit Gebärden und da gibt es einen Gebärdendolmetscher und ich kann mir vorstellen, dass die Kinder dann auch Interesse dafür entwickeln."

Meldung 2: "... gehörlose und hörbeeinträchtigte Kinder das Recht auf Gebärdensprache im Unterricht bekommen. Wir haben zwei oder drei Jahre darum gekämpft, dass überhaupt eine gehörlose Lehrerin in die Klasse kommt, eine Pädagogin. Die arbeitet nun das fünfte Jahr in dieser Klasse als ausgebildete Sonderschulpädagogin und hat hörende und nicht-hörende Kinder unterrichtet. Vom Stadtschulrat wird nach wie vor behauptet, sie sei ja nur für die hörbeeinträchtigten Kinder zuständig. Und das Zweite ist, also ich finde es ja super, was Sie sagen, ich unterschreibe jedes Wort von Ihrem Statement. Aber was mich jetzt wirklich ein bisschen emotional aufwühlt, um nicht zu sagen wütend macht, ist, dass Sie überhaupt..., also es wird nichts umgesetzt, im Gegenteil. Es wird ein best-practice Beispiel einfach abgedreht, weil ab dem kommenden Schuljahr nur noch zwei hörbeeinträchtigte Kinder drinnen sind und denen Ihre Kollegin oder wer auch immer im Stadtschulrat, eine Gutachterin, die keine Gebärdensprache kann, in 10 Minuten feststellt, dass diese Kinder ja eh "nur schwerhörig" wären. Was heißt denn das? Ich meine, entschuldigung? Wer bestimmt unter den gehörlosen oder hörbeeinträchtigten Kindern, ob sie die Gebärdensprache brauchen oder nicht? Meine Ansicht ist, dass das die Kinder selber sind. So habe ich das, also meine Kinder in den Kindergarten in der Gussenbauergasse - wie man ja sehr schön sieht im Film - da haben sie mir gesagt: ist ja egal, wenn er nicht gebärdet. Das ist dein Kind, das es auswählt... Gut so. Mein schwerhöriges Kind will nicht gebärden. Ich akzeptiere das, ja. Mein hörendes Kind gebärdet voll. Das ist das was meine Kinder wählen. Das ist Autonomie und das ist Recht auf Sprache. Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass ein Vorschlag auf Anfrage von Radio Wien, dass da der Stadtschulrat in Radio Wien erklärt, er hat ja nie davon gesprochen, die Lehrerin zu kündigen und plötzlich heißt es: na, wir haben eh 10 Stunden für sie reserviert in der weiterführenden Klasse. Wie soll ein bilingualer Unterricht dann nach wie vor stattfinden, das wäre meine Frage? Danke an Sie, Herrn Kowalski, ich möchte Ihnen wirklich danken, der Film hat mich wahnsinnig berührt. Und man sieht so treffend, vor allem in der Szene, wo man bei Barbara Hager sieht - wie man feststellt, dass das Kind gehörlos ist - mir sind die gleichen Fragen gestellt worden. Mir ist genauso gesagt worden: das ist alles kein Problem, es gibt eh ein Hörgerät. Ich bin in keiner Sekunde im AKH aufgeklärt worden, dass es die Gebärdensprache gibt. Die Frühförderung vom BIG - vom Bundesinstitut für Gehörlosenbildung - man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen oder im Auge zerschmelzen lassen - diese Frühförderin, eine sicher kompetent ausgebildete Frau, hat mir gesagt: "Na wenn das Kind im 6. Lebensjahr mit der Gebärdensprache anfangen wird, wird es noch früh genug sein." Also, das sind die Wahrheiten und ich möchte wissen wie Eltern beraten werden, dass sie Gebärdensprache bekommen oder nicht. Wie läuft das eigentlich ab? Wenn ich beim Stadtschulrat anrufe - ich hab 2-3 Fake-Anrufe gemacht - und sage, ich möchte mich einschreiben, mir ist von der Zinckgasse nichts gesagt worden. Ich meine ich weiß, was ich vom BIG zu erwarten habe. Das ist ja ein offenes Geheimnis. Und das sieht man ja auch im Film: "Gebärdensprache ist nicht erlaubt" oder "nur für die Kinder, die eh ned weiterkommen."

Meldung 3: "Teilweise sind gehörlose Kinder funktionale Analphabeten und sind dann letztendlich wieder in den weiterführenden Kursen, obwohl sie das ganze Bildungssystem durchlaufen haben. Sie sind weiterhin auf Unterstützung angewiesen, um überhaupt den eigenen Broterwerb machen zu können. Und jetzt gibt es eine Klasse in Wien, die bilingual geführt wird, die erfolgreich war - also auch mein Sohn ist vor einigen Jahren dort gewesen - ist jetzt im Gymnasium, ihm geht es sehr gut, er wurde auch von Frau W. unterrichtet. Auch als hörendes Kind - es war kein Schaden für die hörenden und die gehörlosen Kinder. Warum? Bei uns entsteht der Eindruck, dass die Klasse in dieser Form nicht mehr weiter existieren will bzw. wenn das ein falscher Eindruck ist, dann würde uns interessieren: wie wird es denn weiterlaufen, wenn die Lehrkraft nur noch 10 Stunden für die hörbeeinträchtigen Kinder vor Ort ist?"

Scholz: "...und das 3. ist im 13. Bezirk im Gehörloseninstitut. Auch da muss man Situationen besprechen und notfalls verändern. Vielleicht gibt es auch personelle Änderungen in der nächsten Zeit."

Ao.Univ.-Prof.i.R. Dr. Franz Dotter: "Ich möchte hier etwas zurechtrücken, Herr Scholz: Ich achte Ihre großen Verdienste... Was jetzt im Gange ist, ist, dass wir bei der UNO eine Individualbeschwerde wegen Diskriminierung einreichen. Und diese Individualbeschwerde gilt für die ganze Gehörlosengemeinschaft. (Applaus) Ich beschreibe es ganz kurz, was ist passiert? Das Parlament hat die Behindertenkonvention beschlossen, das hören wir in Sonntagsreden immer. Aber es hat einen ganz entscheidenden Punkt hinzugesetzt: einen sogenannten Gesetzesvorbehalt. Der heißt: "Das Nähere bestimmen die Gesetze" oder "Der Vertrag muss durch Gesetze erfüllt werden". Und das heißt: Dass wenn das Parlament das nicht macht, passiert gar nix. Das ist die eine Sache.“

Zwischenfrage Scholz: "Welche Gesetze wären das, wäre das der Lehrplan zum Beispiel?"

Dotter: "Zum Beispiel - und die zweite Sache: es kann aufgrund des Gesetzesvorbehalts niemand vor Gericht klagen auf Diskriminierung. Weil dieser Gesetzesvorbehalt sagt, du musst dich auf die nationalen Gesetze stützen. Jetzt lassen Sie mich noch dazu sagen: dasselbe ist passiert bei der Anerkennung der Gebärdensprache."

Mag.a Dr.in Silvia Kramreiter: "...2005 ist die Gebärdensprache anerkannt worden und sagen Sie mir bitte jetzt ein Gesetz im Bildungsbereich, das bis jetzt durchgegangen wäre. Ich wäre sehr neugierig. Bitteschön... - ja, ich bin auch sprachlos."

Scholz: "Also ich versteh nicht, warum Sie die Bildungssprecher der Parteien nicht vorladen. Das ist doch nicht wahr bitte. Die hatten jetzt bis zum Juni, halten Sie sich an, den ganzen Juni, vier Wochen lang, im Nationalrat drei Sitzungen. Wie viele Tage sind da frei, dass man zum Beispiel mit Ihnen redet? Mehrere Tage..."

Einwurf: "Wir haben die Schreiben geschickt, an alle Bildungssprecher, an alle."

Dr. Rupert Corazzo, Landesschulinspektor für Sonderpädagogik und Inklusion: "...dass es keinen Lehrplan gibt, dass die Schulgesetze das nicht kennen, dass die Unterrichtssprache nicht drinnen ist, ist nicht entschuldbar. Das gehört einfach abgestellt und überarbeitet. Und jetzt sind wir auch bei meiner Rolle, muss ich auch klar stellen: Wie Sie wahrscheinlich gemerkt haben, bin ich nicht in der direkten Hierarchie in der Dienst- und Fachaufsicht genau für die Schule, von der Sie diese eine bilinguale Klasse angesprochen haben. Mir ist seit mehreren Monaten völlig klar, dass hier etwas unrund läuft."

Kramreiter: "...Das ist völlig irrelevant, der Hörstatus. Was mich auch so schockiert, ist dass der Hörstatus abgeprüft worden ist in dieser Klasse. Und wer sagt, wir brauchen keine Gebärdensprache - der hat Bilingualität nicht verstanden. Das ist ganz wichtig zu wissen: in dieser Pädagogik braucht es eine neue Perspektive. Wenn Sie meine Expertise brauchen, jederzeit."

(Applaus)

Helene Jarmer: "Natürlich ist es eine Bundes- und Ländersache. Deshalb ist es mir heute wichtig gewisse Dinge einfach anzusprechen, aber auch, dass wir uns in Zukunft zusammensetzen auch mit den verantwortlichen Personen, um hier eine Lösung zu finden. Wichtig ist, wie auch Frau Dr. Kramreiter gesagt hat, dass das Angebot für Bilingualität unabhängig vom Hörstatus gegeben sein soll. Das heißt Gebärdensprache soll so angeboten werden wie eine Fremdsprache, wie etwas was ganz normal ist, wie eine weitere Fremdsprache. Soviel zu meinem Abschluss. Danke an alle, die teilgenommen haben und alle die hier sind. Ich werde abschließen mit den Worten: Wir werden weiterkämpfen, bis wir alle Rechte haben, bis wir uns endlich einmal entspannen können und bis wir Wahlmöglichkeiten haben..."

Szenen nach der Diskussion

Gespräch: "...Jaja, zuerst schon. Wir haben von der Direktorin erfahren, dass eine Frau für die Überprüfung der beiden Mädchen kommen wird. Das haben wir schon gewusst. Aber als wir telefonisch nachgefragt haben, hieß es: Das betrifft einen Bub aus einer anderen Klasse. Wir dachten: Ok, alles klar. Die beiden Mädchen sind nicht von der Überprüfung betroffen. Das war im Dezember. Und Anfang Februar ist die Frau dann für die Überprüfung gekommen und hat trotzdem die beiden Mädchen getestet. Plötzlich hatten sie ihre Meinung geändert."

Abschlussworte einer Diskussionteilnehmerin (nur Ton): "Mir geht es um Solidarität und darum, dass endlich ein best-practice Beispiel umgesetzt wird."
(kc)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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