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Interview mit Lydia Fenkart zur BILI-Tagung am 6. Mai

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PLIG VERANSTALTET DIE BILI-TAGUNG
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Elizabeth Rotter-Sramenko: "Hallo allerseits! Heute interviewen wir Lydia Fenkart. Ihr Gebärdenname wird mit dem Buchstaben L am Kinn gebärdet. Wir möchten sie euch heute gerne vorstellen, da am 6. Mai von der Plattform Integration und Gebärdensprache (PLIG) die Wiener BILI-Tagung veranstaltet wird. Bei dieser wird thematisiert, warum wir die Gebärdensprache lernen. Frau Fenkart wird dazu einen Vortrag halten."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Du wirst bei der 2. Wiener BILI-Tagung einen Vortrag halten. Um welches Thema handelt es sich dabei?"

Lydia Fenkart: "Mein Vortrag wird vom Thema `ÖGS-Matura in Österreichischer Gebärdensprache` mit besonderem Fokus auf meiner Arbeit handeln. Ich bin in der HLMW 9 Michelbeuern, einer höheren Lehranstalt für Berufsausbildung, beschäftigt. Dort gibt es verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten, wie den Bereich für Mode oder Wirtschaft, aber auch einen Zweig für gehörlose Personen. In diesem gibt es eine Fachausbildung für Wirtschaft und Ernährung und Humanökologie. Ich unterrichte in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS) in der Fachausbildung als auch im Aufbaulehrgang mit Matura, in welchem ein Maturaabschluss in Österreichischer Gebärdensprache möglich ist. Bisher gab es eine mündliche Prüfung - in ÖGS gebärdet - und seit kurzem gibt es auch die Möglichkeit einer schriftlichen Prüfung. Beide Modelle werde ich in meinem Vortrag vorstellen und dabei auch über meinen Arbeitsablauf, den Maturaablauf, notwendige Entwicklungen, Voraussetzungen, Vorbereitungen und die Notenbeurteilung erzählen. Das alles wird thematisiert.

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Wer ist Mitglied des PLIG-Teams, welches diese Veranstaltung organisiert?"

Lydia Fenkart: "Es gibt drei Teammitglieder der Plattform Integration und Gebärdensprache: Silvia Kramreiter, Sabine Zeller - die selbst als Dolmetscherin und im pädagogischen Bereich arbeitet - und seit Kurzem, nämlich seit 2017, bin ich - mein Name ist Lydia - als Dritte zum Team dazugekommen."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Für wen ist die BILI-Tagung? Wer ist das Zielpublikum?"

Lydia Fenkart: "Ich hoffe, dass unter den Teilnehmenden viele PädagogInnen sein werden. Mit Pädagogik meine ich alles von Null bis hin zum Erwachsenalter. Gemeint ist damit auch der wichtige Bereich der Frühförderung sowie StützlehrerInnen und PädagogInnen. Alle, die sich mit dem Themenbereich Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit beschäftigen, sollen kommen. Selbstverständlich sollen auch gehörlose Personen kommen, weil wenn es um die eigene Community und Kultur geht, ist es wichtig, darüber Bescheid zu wissen. Auch GebärdensprachlehrerInnen und internationale TeilnehmerInnen sind willkommen, um sich über die Arbeit im Bereich der Gebärdensprachpädagogik zu informieren, Verbesserungsvorschläge und Tipps zu erfahren, sich untereinander auszutauschen und zu vernetzen. Das sind die Hauptziele."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Weshalb ist gerade das gewählte Thema `Warum lernen wir Gebärdensprache?` so ein wichtiges Thema?"

Lydia Fenkart: "Die Gebärdensprache ist wichtig. Wir von der Community, die selbst gehörlos sind, wissen, dass die Gebärdensprache von größter Wichtigkeit ist. Auch viele gehörlose Personen - die erst später die Gebärdensprache erlernt haben - sagen, dass die Gebärdensprache für ihre Identität sehr wichtig ist und sie finden es schade, dass sie die Gebärdensprache nicht schon früher gelernt haben. Dennoch sieht es in der Realität so aus, dass im pädagogischen Bereich, im Schulbereich, im Kindergarten und in der Frühförderung der Gebärdensprache noch nicht diese Bedeutung beigemessen wird. In diesen Bereichen wird die Gebärdensprache nicht als eine Notwendigkeit betrachtet, sondern sie wird eher als Hilfsmittel angesehen, das eingesetzt wird, um Inhalte besser verständlich zu machen. Aber die Gebärdensprache ist zum einen eine vollwertige Sprache und zweitens ist es mein Wunsch, dass im Zuge des Veränderungsprozesses mehr Fokus auf die Gebärdensprachforschung gelegt wird, denn die Gebärdensprache muss weiter gefördert werden, damit es hier eine Weiterentwicklung geben kann. Es darf hier keinen Stillstand geben, denn es werden weitere Materialen, mehr Videos und vieles mehr benötigt. Darum ist es gut, dass vor Kurzem verschiedene Forschungsergebnisse herausgegeben wurden sowie Literatur über Bilingualität oder auch der kürzlich erschienene Film Seeing Voices, wo gezeigt wird, dass Gehörlose die Gebärdensprache brauchen. Das alles ist wichtig, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass man bei Gehörlosigkeit automatisch an die Gebärdensprache denkt. Gehörlosigkeit soll nicht gleich mit dem CI (Cochlear Implantat) assoziiert oder auf das Gehör beschränkt werden. Es soll sich dahingehend verändern, dass der Fokus auf die Gebärdensprache gelegt wird. Das ist wichtig."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Könntest du bitte einige Beispiele aus der Praxis geben zur bimodal-bilingualen Unterrichtsmethode?"

Lydia Fenkart: "In der bilingualen-bimodalen Praxis hat sich unbewusst schon ein Ablauf entwickelt, aber hinsichtlich der Definitionen besteht oft noch Unklarheit. Den Begriff bilingual verwendet man oft irrtümlicherweise in Bezug auf die Deutsche Lautsprache und die Gebärdensprache. Bilingual bedeutet jedoch, dass zwei Sprachen den selben Kanal haben. Der Begriff bimodal hingegen bezieht sich auf zwei Sprachen, die einen unterschiedlichen Kanal nutzen - somit werden für die akustische Wahrnehmung, die Lautsprache, die Schriftsprache und die Gebärdensprache unterschiedliche Känale verwendet. Daher ist bimodal der passende Begriff für gehörlose Menschen, weil wir hier einerseits die Deutsche Schriftsprache und die Gebärdensprache haben. Ein Beispiel von Bilingualität im gebärdensprachlichen Kontext wären die Sprachen ÖGS und ASL.

Für dieses System bestehen zwar noch nicht so klare Richtlinien, aber Beispiele für den allgemeinen bilingualen Ansatz gibt es bereits, wie der bilinguale Kindergarten. In der Pfeilgasse wird die bilinguale Methode verwendet. Dabei wird parallel in Deutscher Lautsprache und Gebärdensprache unterrichtet. Das ist zwar schon im Laufen, aber es braucht hier von Seiten der Gehörlosen-Community noch mehr Forschungsarbeit und die Entwicklung neuer Materialien."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "In Österreich wurde das neue System der Zentralmatura eingeführt - wie sieht da die Situation bei gehörlosen SchülerInnen aus?"

Lydia Fenkart: "Die Zentralmatura hat zu großen Veränderungen geführt. Für alle - sowohl für hörende als auch für gehörlose Personen, für die LehrerInnen und SchülerInnen - stellt dies eine neue Situation dar. Für gehörlose Personen bedeutet das, dass sie die Zentralmatura machen müssen, aber hierfür stehen ihnen einige mögliche Hilfsmittel zur Verfügung wie beispielsweise der Einsatz von GebärdensprachdolmetscherInnen sowie diverse schriftliche Literatur. Anstatt der akustischen Informationsaufnahme werden die Inhalte gelesen oder schrifliche Informationen in Gebärdensprache übersetzt. Es stehen somit verschiedene zusätzliche Möglichkeiten zur Auswahl."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Was möchtest du noch zur bimodalen, bilingualen Bildung gehörloser Kinder in Laut-, Schrift- und Gebärdensprache sagen?"

Lydia Fenkart: "Mein großer Wunsch ist es, dass wieder eine Zusammenarbeit stattfindet, sodass sich hörende und gehörlose PädagogInnen sowie alle ExpertInnen zusammen für die Gebärdensprache stark machen. Bis jetzt wird die Gebärdensprache als Luxus betrachtet. Es braucht hier eine Veränderung, sodass gehörlose Kinder ihre natürliche Gebärdensprache durchgehend verwenden und beibehalten können und es eine professionelle Ausbildung in Gebärdensprache gibt. Das ist mein Wunsch für die Zukunft."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Das Gebärdenwelt-Team möchte sich bei dir bedanken, dass du für das Interview zu uns gekommen bist. Wir wünschen dir alles Gute und viel Erfolg für deinen Vortrag."
(cg)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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