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Interview mit Franz Dotter am 2. Bildungskongress in Wien

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Vortrag Bilinguale Erziehung mit Gebärdensprache – eine pädagogische Chance
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Gebärdenwelt (Interview führte Atilla Emre Gümüssuyu): Ihr Vortrag war sehr interessant, es ging im pädagogischen Bereich über den Bilingualismus, das heißt die bilinguale Methode, der bilinguale Unterricht ist auf der einen Seite. Wie sieht denn die hörende Gesellschaft das? Welche Einstellung hat die hörende Gesellschaft zu diesem Modell und wie kann man dieses Modell eben in der hörenden Gesellschaft auch festlegen?

Franz Dotter: Da tue ich mir natürlich schwer mit einer Antwort. Man muss sagen für Zweisprachigkeit im Bereich der gesprochenen Sprachen glaube ich gibt es mittlerweile zumindest eine gute Minderheit, wenn nicht schon Mehrheit, die sagt: "Ja, eine zweite Sprache ist gut für mein Kind". Da gibt es viele Rückmeldungen. Vielleicht gibt es noch Ängste. Ängste sind früher geschürt worden, weil man gesagt hat, wenn zwei Sprache gelehrt werden, dann ist keine ordentlich, aber ich denke unter den Leuten, die ein bisschen mehr von Bildung wissen, ist das akzeptiert. Die Zweisprachigkeit mit Gebärdensprache wird einfach deshalb skeptisch gesehen, weil so wenig Information über die Gebärdensprache besteht und weil man auch nicht versteht, warum man die Gebärdensprache braucht. Da gibt es oft die Frage, ja die können eh schreiben. Und da muss man erst antworten, ja aber bitte Sprache lauft anders, das geht schneller, das Schreiben ist ja viel zu langsam. Wir haben aber umgekehrt, zum Beispiel in Klagenfurt im Strandbad eine Umfrage unter Studierenden gemacht, wie sie glauben, dass die Österreichische Gebärdensprache jetzt verwendet wird für Gehörlose. 70 oder 80% haben gesagt, ja ja, das wird verwendet, stimmt, super, also wenn sie das brauchen. Also wir haben in der Bevölkerung nicht mehr den Widerstand, den man vielleicht denken würde. Ich denke mehr, dass das mehr am Institutionellen liegt, weil ich meine...da nehme ich jetzt ein anderes Beispiel: Wenn ich als Lehrer in eine zweisprachige Schule komme und ich kann die zweite nicht, dann muss ich mich entweder sehr anstrengen, dass ich die zweite Sprache lerne oder ich werde das Modell ablehnen, weil ich mich verteidigen muss. Wir haben solche Fälle in den zweisprachigen Schulen in Kärnten. Da war die Diskussion, ob eine Person Direktor oder Direktorin werden darf, wenn sie nicht alle zwei Sprache spricht. Die Einsprachig-Deutsch-Orientierten haben versucht lauter einsprachige Direktoren einzusetzen. Aber das ist mehr nationalistische Ideologie von vorgestern, weil umgekehrt jeder weiß für die Wirtschaft brauche ich’s. Aber ich denke die Gebärdensprache hat nach wie vor dieses Stigma, dass sie eine Hilfssprache ist und ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine Sprache ist. So unausgesprochene Dinge eben.

Gebärdenwelt: Gut, Dankeschön. Ich habe noch eine zweite Frage, jetzt im Bereich der Pädagogik was den Bilingualismus anbelangt. Wie sieht es da mit den Chancen aus, also vielleicht ganz kurz.

F.D.: Wenn es ein paar vernünftige Leute gibt in den Verwaltungen, dann ist das umzusetzen. Es liegt alles vor, die brauchen das Konzept nur zu nehmen und zu beschließen. Der Widerstand derzeit ist völlig unverständlich. Die haben keine wirklichen Argumente, die wollen einfach nur nicht und das ist glaub ich schon das Entscheidende. Man sagt, wir können dich fördern, aber zweisprachig, das machen wir nicht. Genau dieser Unterschied: Du kriegst alle mögliche Förderung, aber nicht systematisch zweisprachig. Das ist bei den Migranten ähnlich. Die Migranten kriegen ja auch ihre Muttersprache sozusagen als Zusatzangebot. Aber immerhin zum Beispiel in diesem Lehrplan steht drinnen, das ist eine Bereicherung für die Klasse, die Lehrer sollen darauf Rücksicht nehmen, die sollen sozusagen bikulturell ein bisschen Information von den Kindern einholen. Das ist alles ein guter Anfang. Wenn man das für die Gebärdensprache und Gehörlosengemeinschaft macht, dann ist es ein Anfang. Ich möchte einfach nur sagen, was man beachten muss in allen diesen Modellen, das ist wie passiert das methodisch-didaktisch. Nicht einfach nur wir machen jetzt, sondern okay, wie schaut der Unterricht aus.
(a.g)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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