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Interview mit Mag. Helene Jarmer am 2. Bildungskongress in Wien

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Wichtige aktuelle Informationen bezüglich Menschenrecht für Gehörlose in Österreich
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Gebärdenwelt (Moderatorin Elizabeth Rotter-Sramenko): Welche Meinung hast du über den Bildungskongress? Welche Erfahrungen hast du während des Bildungskongresses gemacht?

Helene Jarmer: Es ist sehr positiv, dass so viele Menschen zum Bildungskongress gekommen sind und dass ein so reger Austausch, auch über die Situation in den verschiedensten Ländern, stattgefunden hat und dass viel diskutiert wurde. Es freut mich, dass so viele Menschen zum Bildungskongress gekommen sind.

Gebärdenwelt: Wie sieht die momentane Situation der Sprachenrechte für gehörlose Menschen aus? Wird der Unterricht zweisprachig, also in Gebärdensprache und Deutsch, abgehalten?

Helene Jarmer: In Österreich ist die Situation in Bezug auf Sprachen- und Menschenrechte für gehörlose Menschen leider sehr schlecht. Es gibt zwar Gesetze, die im Fall von Diskriminierungen eine Strafe festlegen, aber das Recht auf vollwertige Bildung - vom Kindergarten bis hin zur Erwachsenenbildung - und der Einsatz von Gebärdensprache und GebärdensprachdolmetscherInnen ist nicht gesetzlich festgelegt. Wenn man Glück hat, gibt es Eltern, die in dem Bereich sehr engagiert sind und sich für eine angemessene Bildung einsetzen. Aber gesetzlich ist das leider nicht geregelt. Das Ziel dieses Bildungskongresses ist es, diese Situation in Zukunft zu ändern und das Recht auf gebärdensprachlichen Unterricht gesetzlich zu verankern.

Gebärdenwelt: Hat sich durch die UN-Konvention etwas in Bezug auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen geändert? Wenn ja, was?

Helene Jarmer: Vielleicht kann die Bildungssituation durch die UN-Konvention ein bisschen gefördert und verbessert werden. Es ist jedoch ein großes Problem, dass im Nationalen Aktionsplan nicht viel über Bildung steht. Es werden zwar Begriffe wie Integration, Inklusion oder Lehrerausbildung erwähnt, aber darüber, dass der Unterricht in Gebärdensprache erfolgen sollte, steht nichts im Konzept des Nationalen Aktionsplans. Das bedeutet, dass sich im Bereich Bildung nicht viel ändern wird, bezüglich anderer Punkte möglicherweise schon, das wird sich zeigen.

Gebärdenwelt: Was müsste im Bildungsbereich noch gemacht werden, um die Kriterien der UN-Konvention zu erfüllen? Z.B. Gebärdensprachpflicht für LehrerInnen, die gehörlose SchülerInnen ausbilden?

Helene Jarmer: Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass die Gebärdensprache als Unterrichtssprache im Schulorganisationsgesetz stehen sollte. Darüber hinaus sollte die Pädagogenausbildung neu verpflichtende Gebärdensprachkurse beinhalten, das ist jetzt nicht der Fall. Auch im Bereich der Weiterbildung, insbesondere für alle, die gehörlose Menschen unterrichten, sollte Gebärdensprachkompetenz verpflichtend sein. Manche LehrerInnen können ein bisschen gebärden, aber gesetzlich vorgeschrieben ist Gebärdensprachkompetenz zur Zeit nicht.

Bezüglich folgender Punkte wurde bereits eine positive Veränderung erzielt:

1.) Die Zugangsbestimmungen an den Universitäten wurden dahingehend verändert, dass auch gehörlose Menschen gleiche Chancen haben, zu studieren.

2.) Die Maturaprüfung kann an verschiedenste Bedürfnisse der Maturanten angepasst werden. Zukünftig soll es die Möglichkeit geben, die mündliche Matura in Gebärdensprache abzulegen. Wie gesagt, ein paar Dinge wurden schon verbessert, andere noch nicht.

Gebärdenwelt: Du bist ja als Nationalratsabgeordnete der Grünen im Parlament tätig. Was konntest du im Laufe deiner Amtszeit bis jetzt erreichen?

Helene Jarmer: Während meiner Amtszeit im Parlament wurden bereits folgende Ziele erreicht:

1.) Taubblindheit wurde als Form der Behinderung anerkannt. Europaweit ist Taubblindheit nur in drei Ländern gesetzlich anerkannt. Die Anerkennung als Form der Behinderung bedeutet, dass taubblinde Menschen das Recht auf Taubblinden-DolmetscherInnen, auf spezielle Hilfsmittel, beispielsweise um Texte zu lesen, haben. Es ist wichtig, dass taubblinde Menschen mehr Rechte bekommen. Das ist der erste Punkt.

2.) Blinde Menschen haben Blindenführhunde, mit denen sie problemlos überall hingehen können. Für gehörlose Menschen gibt es Assistenzhunde und Signalhunde, die aber nicht den gleichen Stellenwert haben wie Blindenhunde. Beispielsweise sind sie in Restaurants nicht erlaubt. Eine Arbeitsgruppe verhandelt noch, damit sie auch die gleichen Rechte bekommen.

3.) Rollstuhlfahrer bekommen persönliche Assistenz. Auch gehörlose Menschen brauchen persönliche Assistenz, die dabei hilft, Texte zu verstehen und diese zu erklären, wenn etwas nicht verstanden wird. Auch in Bezug auf das Pflegegeld ist es so, dass Rollstuhlfahrer Pflegegeld bekommen, aber gehörlose Menschen nicht. Sie sollten auch das Recht auf Pflegegeld bekommen. Aber diesbezüglich muss noch diskutiert werden...

4.) Sexueller Missbrauch: Missbrauch an behinderten Menschen wurde gering bestraft, Missbrauch an nicht behinderten Menschen wurde zumeist hoch bestraft. Es sollen aber alle Missbrauchsfälle gleich behandelt und bestraft werden. Das ist jetzt auch im Gesetzt geregelt. Nur, weil es mit der Kommunikation in Notfallsituationen schwierig ist, rechtfertigt nicht die Tatsache, dass die Strafe geringer ausfällt. Das schreibt jetzt auch das Gesetz vor.
Vor kurzem haben alle sechs Parteien gemeinsam beschlossen, dass es ab 2014 einen Telefonnotruf geben soll. Mal sehen...momentan wird viel geändert, lassen wir uns überraschen. Einige Dinge wurden ja bereits geändert.

Ein wichtiger Punkt sind die Untertitel vom ORF. Bereits 2009 wurde viel über das ORF-Gesetz und Untertitel diskutiert. Wir haben es geschafft, dass Untertitel verpflichtend sind. Vorher war es so, dass es dem ORF selbst überlassen war, ob er Untertitel anbieten will oder nicht. Wenn noch Geld da war, wurde untertitelt, sonst nicht. Jetzt sind Untertitel verpflichtend. Außerdem ist der ORF dazu verpflichtet, sich einmal im Jahr mit dem ÖGLB zusammenzusetzen, um die aktuelle Situation zu diskutieren. Das wurde jetzt auch gesetzlich festgelegt.

Gebärdenwelt: Danke für Dein Interview!
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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