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Interview mit Oya Ataman beim 2. Bildungskongress in Wien

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Vortrag über CODA und Drittkulturkinder
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Gebärdenwelt (Moderatorin Elizabeth Rotter-Sramenko): Bitten stellen Sie sich und Ihre Arbeit kurz vor.

Ich bin Oya Ataman und hauptsächlich als Gebärdensprachdolmetscherin tätig. Nebenbei beschäftige ich mich als studierte Literaturwissenschafterin mit Migrationsliteratur und hier habe ich mich speziell auf Coda-Lebensgeschichten fokussiert bzw. diese gesammelt. Ich möchte mehr über Codas mit Migrationshintergrund, so wie ich ihn habe, erforschen. Vor kurzem fand ich ein super Buch, das ich speziell für Codas übersetzen möchte.

Gebärdenwelt: Sie haben einen interessanten Vortrag über CODA und Dritte-Kultur-Kinder (TCK) gehalten. Wie wichtig ist es, CODA-Kultur z.B. Programme, Veranstaltungen, Austausch, Camp mit anderen CODA zu haben?

Gottseidank gibt es sie! Diese sind sicher sehr wichtig! Oft fühlt sich ein CODA allein und denkt, niemand versteht mich! Ich bin auch mit diesem Gedanken aufgewachsen: "Niemand versteht mich!", das ist dein Schicksal (Lächend). Wenn ich mich jetzt mit anderen CODAS austausche, dann erinnere ich mich auch an die Zeit als Kind, wo ich mit all den anderen CODAS gebärdet, geplaudert, getratscht, gespielt habe - das war wirklich eine schöne Zeit.

Ich sehe nun, dass Eltern ihre (hörenden) Kinder fördern, indem sie Angebote und Programme nutzen, und ihre Kinder auch zu CODA-Treffen schicken, wo sie ihre Kultur aus- und erleben können, gebärden können, Musik hören können, Poesie entfalten um sich damit zu identifizieren, zu reflektieren und/oder über ihre Probleme erzählen bzw. austauschen. Nur so kann die Identität und das Selbstwertgefühl der Kinder gestärkt werden.

Wenn CODAs alleine gelassen werden würden, würden sie denken, es sei alles nicht wichtig, es bleibt so wie es ist und es entwickelt sich nichts.


Gebärdenwelt: Welche speziellen Bedürfnisse haben CODA?

Das Bedürfnis von CODAs ist, sich selbst zu fragen, wer bin ich?
Die Gesellschaft (der Hörenden) hat keine Ahnung von CODA, sie sieht mich als Hörende. Wo ich dann darauf antworte: "Ich bin nicht hörend!"

Das Bewusstsein unter den CODAS ist in der letzten Zeit zwar gestärkt, dennoch sehen sie sich als Hörende. Sogar in der Gehörlosenwelt sind wir als Hörende abgestempelt.
Ich kann nicht in der Gehörlosenwelt sagen: „Hallo, ich bin gehörlos!", obwohl ich mich gehörlos fühle. Sie würden mich schief anschauen… und das geht auch nicht…


Gebärdenwelt: Wie können gehörlose Eltern die Identität von CODAs unterstützen?

Wichtig ist, dass gehörlosen Eltern eine eigene positive Identität haben und diese an das Kind weitergeben. Das Umfeld beeinflusst uns alle so und so von vornherein negativ. Ich empfehle, dass Eltern sich selbst gegenüber positiv sind, und somit die Entwicklung der kindlichen Identität positiv stärken.


Gebärdenwelt: Was würden Sie gehörlose Eltern empfehlen, was könnten sie CODA-Kindern im alltäglichen Leben anbieten?

Ich glaube, am meisten ist das Bedürfnis, wie andere Kinder es auch haben, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kinder stark sein sollte. Die Sprache, also die Gebärdensprache, die sie benützen bzw. die Kommunikation miteinander, stärkt diese Beziehung. Ich wünsche mir, dass das Kind in einem Umfeld aufwächst, wo die Eltern und das Kind über seine Probleme miteinander reden können. Warum? Eltern sollen mit ihren Kindern auch tiefgründige Gefühle teilen, sodass sie mehr voneinander erfahren können. Es ist schon in der Lautsprache, schwer tiefgründige und intensive Gespräche zu führen. Wie in der Lautsprache bleiben oberflächige Gespräche in Gebärdensprache auch oberflächig. Wichtig ist Selbstreflexion, um Gefühle in seiner Sprache besser zu transportieren.

Gebärdenwelt: Danke für das Interview!
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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