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Interview mit Franz Dotter beim 2. Bildungskongress in Wien

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Meinung und Ratschläge
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Gebärdenwelt (Moderatorin Elizabeth Rotter-Sramenko): Bitten stellen Sie sich und Ihre Arbeit kurz vor.

Franz Dotter: Meine Name ist Franz Dotter. Ich war bis Ende April 2013 Leiter des Zentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation an der Uni Klagenfurt. Mit September dieses Jahres muss ich in Pension gehen (lacht) aus Altersgründen, aber die wissenschaftliche Arbeit wird noch ein bisschen weitergehen, hoffe ich.

Gebärdenwelt: Was ist Ihre Meinung zur politischen Situation im Bildungssystem für gehörlose Menschen?

Franz Dotter: Ein Teil von dieser Situation wird einfach verursacht durch die allgemeine Situation. Wir sehen im ganzen Schulbereich in Österreich immer eines: Es gibt eine formale Reform, so wie die neue Mittelschule, aber über Inhalte oder über Lehrpläne wird nicht gesprochen. Ein gutes Beispiel für mich sind die neuen Lehrpläne, die man jetzt schreibt. Die sind orientiert an der Leistung. Das ist nicht mehr so, dass man eine Note nach der anderen kriegt, sondern es wird jetzt genau beschrieben, was man am Ende der Schule alles können muss. Nur, die LehrerInnen machen das nicht. Und es wird ihnen auch nicht geholfen. Die LehrerInnen können auch nichts dafür, ihnen wird dieser formale Anspruch übergeben und dann passiert nichts mehr.

Dann hofft man, dass nur die eine formale Reform alles ändern wird. Wenn man die KritikerInnen der Unterrichtspolitik in Österreich anschaut, das hört man überall. Die LehrerInnen werden allein gelassen mit Anforderungen, über die sie eigentlich auch nicht wirklich reden können. Und jetzt ist es klar, für Gehörlose es gibt so typische Prozesse.

Ein Vorgang ist "Jetzt fragen wir einen Direktor: Können Sie ein oder zwei gehörlose SchülerInnen aufnehmen in Ihrer Schule?" Da gibt`s viele gutwillige, die sagen, ja natürlich, zum Beispiel haben wir auch schon Erfahrung mit blinden SchülerInnen oder anderen behinderten SchülerInnen. Natürlich nehmen wir die Schülerin oder den Schüler auf. Das heißt sie sind nicht feindlich gesinnt, nur haben sie keine Ahnung was sie wirklich organisieren müssen. Und dann dreht sich die Einstellung, das ist auch ein psychischer Effekt,... zuerst sag ich freundlich: "Bitte komm". Dann stellt sich heraus, du bist doch ziemlich frech, du stellst Forderungen, du bist nicht zufrieden. Dann dreht sich meine Meinung: "Jetzt sei doch froh, dass wir dich aufgenommen haben. Jetzt tun wir so viel für dich."

Die verstehen nicht, zum Beispiel wenn Gebärdensprache geboten wird, dass die Kinder natürlich in Gebärdensprache im Unterricht interagieren können müssen, sie müssen mit der Gebärdensprache arbeiten können. Ein Beispiel das ich selbst erlebt habe: Der Unterricht für die Hörenden läuft ab, ganz normal, dann bemüht sich eine Lehrerin, die dafür nicht kompetent ist oder gar eine Dolmetscherin, die übersetzt, schnell schnell schnell, damit wir nachkommen. Dann erzählen die Lehrerinnen oder die Dolmetscherinnen ja wir hetzen da hinten nach, die Schülerin oder der Schüler hat gar keine Möglichkeit was mitzuschreiben, wir haben keine Videoaufzeichnung. Das heißt jetzt stellen wir uns vor, wir müssten vier, fünf Stunden in einer Schule sitzen, dürfen nichts aufschreiben, es wird uns was übersetzt und dann sollen wir das lernen. Wie? Und noch schlimmer ist es natürlich in Gegenständen so wie Mathematik, da braucht man Erklärung, da muss man selbst probieren können, da muss man nachfragen können. Das gibt`s alles nicht. Die Erklärung kann ich nicht aufschreiben, die ist verloren. Und umgekehrt gibt`s natürlich auch diese falschen Erwartungen, dass die LehrerInnen sich sagen, na gut, gehörloses Kind, das braucht eh nicht so viel lernen. Jetzt reduzieren wir die Information und dann wundert man sich dass das Kind die Leistung nicht erbringt.

Gebärdenwelt: Was können wir Gehörlose verändern? Was sollte in den Lehrplan hineinkommen? Zum Beispiel ein Gebärdensprachkurs und Ausbildung für die LehrerInnen, die Gehörlose unterrichten? Was sollen wir machen, damit es zu Veränderungen kommt?

Franz Dotter: Ich denke das Wichtige ist wirklich, Gebärdensprache als Unterrichtssprache zu bekommen. Dann folgt eigentlich alles, weil für eine Unterrichtssprache jemand ausgebildet werden muss. Da gibt`s dann keine Ausrede mehr und eine Unterrichtssprache muss auch eingesetzt werden. Wenn bilingual, da können wir den Vergleich nehmen mit den gesprochenen Minderheitensprachen in Österreich. Dort ist zumindest für die Volksschule, für die ersten vier Jahre, alles halbe-halbe: halber Unterricht in einer Sprache, halber Unterricht in der zweiten Sprache. Das ist international üblich.

Für die Gehörlosen muss man aber dann dazu sagen, für Minderheitsangehörige ist es so, dass man von denen verlangt, dass sie mehr aufs Deutsche umsteigen. Von Gehörlosen kann man das nicht verlangen. Das heißt für die muss das bilinguale für die ganze Schulkarriere bleiben. Und ich denke auch, es soll wirklich jedes Kind, jede/r SchülerIn und die Eltern selber entscheiden können, wie viel sie brauchen. Wir haben Fälle, die sind fast ausschließlich auf Gebärdensprache orientiert. Wir haben Fälle, wo die sagen, nur wenn es kompliziert ist, bitte in Gebärdensprache. Die Pflicht wäre zu fragen was brauchst du und nur zu versprechen, was du brauchst, kriegst du. Und wichtig eben die Leistungsorientierung, das heißt dein Ziel ist sozusagen ein Pflichtschulabschluss. Was muss ein Hörender beim Pflichtschulabschluss können und jetzt schauen wir, dass du das auch kannst. Wie, das ist zweitrangig, zuerst muss man die Verpflichtung haben, die Schule muss sich verpflichtet fühlen, der gehörlose oder schwerhörige SchülerInnen muss auch das Unterrichtsziel erreichen. Das ist momentan nicht so. Momentan kann man sagen der schafft es nicht, Ende. Das ist uns als Schule egal. Das ist genau der Unterschied zu Finnland. In Finnland muss die Schule erklären, warum sie die Person nicht weitergebracht haben. Dort ist das ganz umgekehrt.

Gebärdenwelt: Wir bemühen uns die Gebärdensprache in den Unterricht zu bringen und natürlich auch ins Gesetz. Was ist Ihr Gefühl für die Einstellung der PolitikerInnen gegenüber den Gehörlosen?

Franz Dotter: Ich denke sie sind noch nicht überzeugt. Für mich ist Herr Buchinger ein guter Fall. Er glaubt es einfach noch nicht ganz. Da kann man, glaub ich schon, auch ersuchen, verlangen, sie sollen sich auch ExpertInnen aus dem Ausland holen. Sie sollen sich von jemandem erklären lassen, warum ein Kind von null an eine Sprache braucht. Warum man nicht mit vier Jahren anfangen soll oder mit sechs. Das ist für mich das Wichtigste. Man muss denen das klar machen. Vielmals wird ja dann gesagt, das ist so eine Hilfssprache, die braucht man erst später. Das ist der größte Fehler, denke ich. Man muss einfach sagen, die wichtigste Sprachentwicklungszeit ist von null bis vier. Da brauche ich die Gebärdensprache. Es gibt jetzt Untersuchungen von der Gehörlosenambulanz in Linz. Das Ergebnis ist folgendes: die Frühförderung ist am erfolgreichsten, wenn sie spätestens mit sechs Monaten anfängt. Wir wissen genau, was passieren soll, aber es passiert nicht.

Gebärdenwelt: Vielen vielen Dank, dass Sie uns so wertvolle Ratschläge gegeben haben.
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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