Europäisches Forum Alpbach 2017

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Ausschnitt aus der Eröffnungsrede des Bundespräsidenten
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Das Europäische Forum Alpbach findet seit 1945 alljährlich im August im Tiroler Bergdorf Alpbach statt. ReferentInnen und TeilnehmerInnen aus allen Teilen der Welt, von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, ExpertInnen und Studierende kommen zusammen, um aktuelle Fragen der Zeit zu diskutieren und interdisziplinäre Lösungsansätze zu finden. Mit einer Seminarwoche begann am 16. August das Europäische Forum Alpbach 2017, das sich in mehr als 200 Einzelveranstaltungen dem Generalthema "Konflikt und Kooperation" widmet. Bis 1. September wurden zu dem Kongress mindestens 700 SprecherInnen und rund 5.000 TeilnehmerInnen erwartet. Die feierliche Eröffnung des Forums erfolgt am 20. August im Rahmen der Tiroltage.

Schriftsteller Philipp Blom kommentiert im Zuge seiner Eröffnungsrede: "Das Versprechen, dass unsere Kinder es einmal besser haben würden, scheint gebrochen. Die Zukunft könnte ein großes Problem für uns werden. Darum wollen wir in Europa, dass die Gegenwart nie aufhört." In 50 Jahren werde eine junge Historikerin über unsere Zeit fragen: "Warum haben sie den Klimawandel nicht als nationalen und transnationalen Notfall behandelt? Warum haben sie nicht erkannt, was die Automatisierung mit ihrer Arbeit und Gesellschaft anrichten wird." Als Historiker der Gegenwart appelliert Blom an die Solidarität der EuropäerInnen.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen widersprach Blom in seiner Eröffnungsrede:

"Bevor ich beginne, möchte ich sagen: ich bin absolut nicht Ihrer Ansicht Herr Blom und ich finde, das macht es interessant, obwohl ich es gut nachvollziehen kann. Und wenn ich schlecht geschlafen habe, habe ich früher oft gesagt: wenn ich in der Früh aufwache, dann habe ich auch das Gefühl, es ist nicht ausgeschlossen, dass wir eines Tages uns denken müssen, wir hatten ein vereintes Europa mit allen Vor- und Nachteilen, aber wir hatten es, aber leider nicht genug Europäerinnen und Europäer, die es verteidigt haben. Das ist aber nicht neu. Das war 1934 in Deutschland genau so. Es gibt einen berühmten Aufsatz eines deutschen Journalisten, den Namen habe ich vergesssen, der Ende 1933 - glaube ich - geschrieben hat: wir hatten eine Demokratie in Deutschland, aber leider nicht genug Demokratinnen und Demokraten. Das kann sein, aber es muss nicht sein. Es kann schon sein.

Europe has no future (=Europa hat keine Zukunft) oder noch deutlicher haben Sie gesagt: Europe does not want to have a future. We want the present never to end. But it does end of course. (=Europa will keine Zukunft haben. Wir wollen, dass die Gegenwart nie aufhört. Aber sie endet natürlich.). Ah, für einen gelernten Österreicher ist das so neu nicht. Es gibt in Österreich in der Politik einen berühmten Ausspruch: Reformiert darf werden, aber ändern darf sich nichts (lacht).

Also damit muss ein Politiker lernen umzugehen und entsprechende Überzeugungskraft entwickeln. Aber interessant Ihr Hinweis, wie würde jemand, der 2067 - also in 50 Jahren - der zurückblickt auf jetzt sich denken: wie ist das möglich, dass die nicht realisiert haben, dass sie jetzt aber auf der Stelle wirklich etwas tun müssen gegen den Klimawandel, bevor es wirklich zu spät ist. Ja, stimmt. Ich habe gerade heute mit jemanden diskutiert, es ist wirklich zutiefst frustrierend. Ich habe angefangen persönlich auf der Uni damals noch, Mitte der 80er-Jahre, über climate change und wie Ökonomen darüber denken, was man dagegen tun kann und so weiter, Lehrveranstaltungen zu machen und mit Studenten zu arbeiten. Vor 30 Jahren. Bis jetzt die Ökonomen, alos die Volkswirte realisieren, hier gibt es ein echtes Problem, über das es sich zu reden lohnt, müssen ja die Klimatologen und andere Naturwissenschafter auch schon 30 Jahre gearbeitet haben. Und nach 30 Jahren sind wir alle so froh, dass endlich auf der Pariser Konferenz etwas hoffentlich wirklich wesentliches passiert ist - vielleicht schon zu spät, da haben Sie schon Recht - aber neu ist das nicht in der Geschichte. Leider.

2014 können wir zurückblicken auf 100 Jahre, 1914 und uns fragen, wie ist das möglich, dass damals die Risiken einer militärischen Auseinandersetzung nicht erkannt wurden. Wie ist das möglich?"

(...)

"Also, jetzt muss ich natürlich radikal kürzen, was ich hier liegen habe. Ich habe nur eine zweistündige Rede vorbereitet (lacht). Ich bin überzeugt, dass das vereinte Europa, das wir kennen in Gestalt der Europäischen Union, eine einzigartige Zivilisationsleistung ist. Hergestellt durch pure Einsicht. Einsicht in die Entwicklung Europas der letzten - von mir aus - 1.000 Jahre, aber insbesondere im 20. Jahrhundert, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Pure Einsicht, ohne Gewalt, durch Verhandlungen, im gegenseitigen Respekt und diese Zivilisationsleistung, auf die sollte man sich hin und wieder erinnern, was sie erreicht hat. Nicht nur Frieden, sondern auch Rechtsstaatlichkeit über diese Jahrzehnte, das Lernen miteinander ökonomisch auszukommen und durch gemeinsame Regelungen im Binnenmarkt nicht zu unterschätzen und ich glaube, dass Europa - jedenfalls das westliche Europa, das in der Union vereinigt ist - auf diese Art, auf diese Weise ein Maß an Wohlstand und Freiheit erzielt hat, dass die einzelnen Ländern isoliert voneinander nicht hätten erzielen können."
(APA)
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