ÖsterreichEUWelt

Gehörlosen-Demo am 30. September in Wien

Loading the player ...
Motto: "Schluss mit den Barrieren"
+ - Textgröße ändern
Text drucken
Am 30. September 2016 haben rund 300-400 Personen an der Demo "Schluss mit den Barrieren" in Wien teilgenommen. Die Gruppe wurde im Verlauf des Tages immer größer. Viele bunte Plakate wurden mitgebracht und eine Vielzahl der Menschen trug die Farbe Türkis - ein voller Erfolg! Das Team von Gebärdenwelt.tv hat DemoteilnehmerInnen, das Organisationsteam sowie VertreterInnen des ÖGLB und VÖGS interviewt und präsentiert hiermit das Video.

Transkript der Interviews:

Karin Jelen (00:35-01:18): "Hier findet gerade die Demo statt. Schau, wie viele Gehörlose gekommen sind! Ich bin auch dabei, weil es in Österreich überall Barrieren gibt. Auch in meiner Firma stoße ich auf Barrieren. Wir brauchen mehr Dolmetscher, mehr Sprache, einfach mehr Dolmetscher, mehr...! Barrieren, Barrieren, Barrieren! (zeigt Plakat) Das Ziel der Demonstranten ist das Bundesministerium. Dort möchten wir für Barrierefreiheit kämpfen! Wir brauchen mehr Dolmetscher und mehr Ausbildungsmöglichkeiten! Für das alles kämpfen wir. Wir sind stark! ILY (Gruß der Gehörlosencommunity)"

Ansprache Organisation (Vinschi Nguyen) (02:27-02:32): "Bildung ist unser Ziel! Wir geben nicht auf, wir kämpfen weiter! (Applaus)"

Anna Cerncic und Marion Kovacs (02:35-03:03 Dialog): "Hallo! Hallo! ILY! Warum sind wir heute hier? Heute findet eine Demo statt... Thema ist...? Es gibt um Bildung in Gebärdensprache! Wir von Gebärdenraum Libelle unterstützen das selbstverständlich! Ja! Es hat in der Vergangenheit viele Barrieren gegeben. Unser Ziel ist, dass schon bald Barrierefreiheit herrscht! Keine Barrieren mehr! Hoffentlich! Für die nächste Generation! Tschüss! Wir ziehen weiter... Tschüss! Wir gehen jetzt weiter..."

03:12: "Ich habe zwei gehörlose Kinder. Ich habe mit ihnen von klein auf gebärdet. Jetzt machen sie Ausbildungen und möchten Lehrer werden. Gebärdensprache ist wichtig! Ich arbeite im Kindergarten. Dort beherrscht niemand Gebärdensprache! Das stimmt mich traurig. Es wäre so wichtig! (Frau links gebärdet:) Stimmt! Ausbildung und Gebärdensprache sind wichtig. Lesen lernen! Die Aussprache ist kein Muss. Wörter lesen und verstehen können! Das ist das Wichtige! Stimmt, genau! Jetzt haben sich die Zeiten so verändert, dass immer mehr implantiert wird. Auch den Babys, die nicht implantiert werden können, wird nur Lautsprache beigebracht! Egal ob mit Implantat hörend/schwerhörig oder gehörlos - auch implantierte Kinder müssen trotzdem Gebärdensprache lernen! Beide sollten gleichermaßen Gebärdensprache lernen! Das ist wichtig! Richtig!"

Mann (3:57-4:20): "Ich meine Folgendes: Samstags und sonntags - da ist arbeitsfrei und zugesperrt. Der Arzt hat nur bis Freitag geöffnet. Samstag und Sonntag kommt dann der Notdienstarzt, zum Beispiel, und jene Stellen, die geöffnet haben, dort soll Samstag und Sonntag immer ein Dolmetscher da sein, der schnell herbeigerufen werden kann. Und dass der Staat dies bezahlt, das hoffe ich."

Reinhard Grobbauer (4:32-4:47): "Klar, die Demo ist wichtig. Es gibt bis jetzt zu viele Barrieren - nicht nur im Bereich Bildung, sondern auch in verschiedenen anderen Bereichen. Heute ist das Thema Bildung. Das ist wichtig, sodass für die Zukunft der gehörlosen Kinder etwas aufgebaut werden kann. Deshalb unterstütze ich das gerne und mache bei der Demo mit."

(05:11-05:34) "...fühlt sich stark an! Schauen wir mal, ob die Mitarbeiter im Ministerium auf uns aufmerksam werden... OK! Wichtig für die Zukunft ist es, dass wir uns alle - Erwachsene, Menschen verschiedener Generationen, Menschen aus unterschiedlichen Ländern - zusammenschließen. Gemeinsam sind wir stärker! Gemeinsam sind wir mehr!"

Momcilo Vasic und Vinschi Nguyen (05:38-07:37): "Wir haben bereits am 25. Mai 2016 angefangen, diese Demo zu organisieren. Unser Team hatte viel zu managen, wie z.B. das Programm heute. Jetzt schaut euch um, so viele Gehörlose aus ganz Österreich sind gekommen. YES! (...) Das Team besteht aus Privatpersonen, wir sind kein eigener Verein. Aber nicht nur Privatpersonen, auch der ÖGLB und Assistenz 24 haben uns unterstützt und mit uns als Kooperationspartner zusammengearbeitet. Am Anfang waren wir nur Privatpersonen, dann kam der ÖGLB hinzu und dann auch Assistenz 24. Zusammen haben wir an diesem Aktionstag gearbeitet. Unser Ziel ist Bildung. Bildung ist ein wichtiges Thema für die Zukunft der Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen und auch älteren Menschen. Bildung ist wirklich wichtig! Schau nur! (zeigt auf Menge der DemonstrantInnen) Vor allem bilinguale Bildung ist uns besonders wichtig. Für alles! Für Kinder, dass sie bilingual aufwachsen können. In anderen Ländern funktioniert das schon besser. Das möchten wir auch! Die gesetzliche Verankerung fehlt bei uns aber noch. Das soll sich verbessern! Mehr Menschenrechte für Gehörlose! Für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Ältere. Auch im Gehörlosensport gibt es noch Barrieren... Das ist auch wichtig! Wenn es keine gebärdensprachliche Bildung gibt, dann stellt dies eine Verletzung der Menschenrecht dar. Das ist das Problem! Vielen Dank an alle für eure Unterstützung! I-L-Y ! Danke, danke, danke! (...)"

Lukas Huber (7:52-08:32): "Hier in Wien findet schon zum zweiten Mal eine Demo statt. Das erste Mal war 2008. Dieses Mal lautet das Thema "Barrieren für Gehörlose im Bildungssystem Österreichs". Heute sind fast 400 Personen zur Demo gekommen. Ich bin froh und stolz, dass wir in Österreich endlich in Bewegung kommen. Der Österreichische Gehörlosenbund hat die Organisatoren der Demo, eine Gruppe gehörloser Privatpersonen, in ihren Forderungen unterstützt und ergänzt. Bald sind wir beim Bildungsministerium angekommen, um unser Anliegen vorzubringen..."

Ein gehörloser Schüler (08:46-09:07): "Das Problem an Schulen ist, dass zwar einige schon ganz gut gebärden können aber dass das alles auf Freiwilligkeit basiert. Mein Wunsch wäre es, dass alle LehrerInnen verpflichtend Gebärdensprache lernen. In einem so wichtigen Fach wie Deutsch wird beispielsweise nur gesprochen, nicht gebärdet! Im Allgemeinen bin ich mit dem Schulgesetz zufrieden. Bei der Kommunikation mit Lehrenden, Gebärdensprache fehlt und auch bei der gesetzlichen Matura und darüber hinaus stoßen wir auf Barrieren."

Alice Hu (09:20-11:10): "Ich bin Mitglied des VÖGS. VÖGS steht für Verein gehörloser österreichischer Studierender. Der Verein wurde schon vor 10 Jahren gegründet weil einzelne gehörlose Studierende immer wieder ahnungslos vor Barrieren gestanden sind. So entstand die Idee ein Netzwerk aufzubauen, wo Austausch stattfindet und aktiv mitgestaltet werden kann. Es gibt viele Barrieren! Eine davon ist der Mangel an GebärdensprachdolmetscherInnen. Um Abhilfe zu schaffen, wurden GESTU und polycollege als Beratungsmöglichkeit angeboten. Österreichische Gebärdensprache ist eine anerkannte Sprache. Das ist toll! Leider mangelt es aber an der tatsächlichen Umsetzung. Diese geht nur sehr langsam von statten. Darum ist es wichtig, dass wir uns weiterhin für Bildung einsetzen. Bildung ist für gehörlose Menschen sehr wichtig! Wenn Bildung fehlt, sind Defizite in Bezug auf Motivation, Identifikation, Gehörlosenkultur und Sprache die Folge. Wir sollen uns dafür jedoch stark machen! Die Community ist hier um den Verantwortlichen die Augen zu öffnen. Es sollte selbstverständlich sein, dass die ÖGS in Österreich gefördert wird und GebärdensprachdolmetscherInnen im Sinne der Barrierefreiheit zur Verfügung gestellt werden. So hoffen wir, dass zukünftig auch immer mehr Schulkinder daran interessiert sind, die Matura abzuschließen und ein Studium zu machen und somit Teil unseres Netzwerks zu werden. Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass gehörlose Studierende erfolgreich studieren können und mit dem Abschluss in der Tasche gute Karrieremöglichkeiten vor sich haben! Das VÖGS Team - bestehend aus Paulina, Xenia, Katrin, Bernadette und mir, Alice - wünschen allen Demonstranten viel Erfolg für eine Zukunft ohne Barrieren!"


Helene Jarmer (11:14-11:26): "Danke für euer Kommen! Kurz zur Erklärung, worum es heute geht: Anlässlich dieser Aktion sind unabhängige engagierte BürgerInnen aus ganz Österreich gekommen..."

Franz Dotter (11:59-12:22): "Anwälte bekommen keine Informationen und haben keine Möglichkeiten nachzusehen, wo Sprachenrechte oder Gebärdensprache festgehalten wären. Ihre Arbeit wird somit erheblich erschwert. Ich möchte folgende Maßnahmen definieren, um Sprachenrechte einzufordern: Wir brauchen einen entsprechenden Lehrplan, mehr Unterrichtsmaterialien sowie ausgebildete Lehrkräfte, die gleich wie in anderen Fremdsprachen auch über entsprechende Gebärdensprachkompetenz verfügen. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten. Momentan werden wir von den Verantwortlichen nur blockiert..."

Lydia Fenkart (12:29-13:13):
"Es gibt an einigen Schulen das Unterrichtsfach Gebärdensprache. Ich muss sagen, das läuft super. Inklusion und gebärdensprachlicher Unterricht kann klappen! Es funktioniert! Trotzdem treffe ich - das möchte ich Ihnen sagen -, immer wieder auf viele Kinder und Jugendliche, die die Schwierigkeit haben, ohne Gebärdensprachunterricht aufgewachsen zu sein. Sie können dann weder Deutsch, noch Gebärdensprache und müssen ständig zwischen den Welten hin und her wechseln. Darum bitte ich Sie, es ist ganz ganz wichtig: Es gibt so viele Schüler, die sagen: "Ich bin so froh, dass ich Gebärdensprache gelernt habe." Warum nicht früher?"

Dame (13:14-13:51):
"(...) Es wird vermittelt, Sprachförderung sei nicht möglich. An manchen Instituten oder Kindergärten gibt es Sprachförderungsprogramme oder Zusatzausbildungen für PädagogInnen. Viele lernen zusätzlich zu Deutsch noch andere Sprachen. Und bei Gehörlosen? Nichts! Keinerlei Bestrebungen! Es bedarf einer umfassenden, mehrjährigen Ausbildung! Es braucht zusätzlich Sprachförderung! Wenn Gehörlose selbst aktiv mitgestalten, wird sich zukünftig hoffentlich auch etwas ändern..."


Lukas Huber (13:53 -14:32):
"Mütter und Väter mit gehörlosen Kindern kämpfen dafür, dass ihre Kinder Unterricht in Gebärdensprache bekommen. Aber die Kinder stoßen auf folgende Barrieren: 1. Verwenden LehrerInnen zu wenig Gebärdensprache oder 2. ihr Gebärdensprachniveau ist zu niedrig, 3. es werden zu wenige ÖGS-DolmetscherInnen bereitgestellt oder 4., das Dolmetschbudget für Schulen ist viel zu gering. Das sind die schwerwiegendsten Probleme."

Dame vom Bildungsministerium (14:30-15:00): "Ich habe die Liste der Forderungen gesehen. Danke, dass Sie aufgezeigt haben, welche Anliegen es gibt. Ich verspreche, ich bleibe dran und werde es gesammelt an meine Chefin weiterleiten. Gemeinsam mit der Unterstützung im Parlament werden wir daran arbeiten, Ihre Forderungen so schnell wie möglich umsetzen können. Danke für Ihr Kommen!"

Helene Jarmer (15:01): "Ich habe wirklich Grund zur Freude! Früher hat sich meist der Gehörlosenbund für Anliegen der Gemeinschaft eingesetzt, Einzelpersonen waren kaum aktiv. Jetzt haben sie als TeilnehmerInnen dieser Demo selbst ihre Ärmel aufgekrempelt und kämpfen für Ihre Rechte. Der ÖGLB hat zwar selbstverständlich unterstützt und beraten, aber das Demo-Team hat es selbstständig geschafft das hier zu organisieren. Wir haben mit etwa mit einer Presseaussendung unterstützt und in beratender Funktion zur Seite gestanden. Nach vielen Gesprächen und Austausch, haben wir gemeinsam schließlich das Thema Bildung gewählt. Ich hoffe, dass nun die Personen im Ministerium unsere Botschaft verstehen und hoffe, dass durch weitere Treffen eine gute Gesprächskultur geschaffen werden kann, um in weiterer Folge unsere Rechte tatsächlich umsetzen zu können. Diesen Wunsch haben wir!
Unser Ziel ist, dass Gebärdensprache endlich als Unterrichtssprache verpflichtend wird, Lehrpläne, Unterrichtsmaterialien sowie die LehrerInnen-Ausbildung gemäß des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen adaptiert und verbessert wird und die Kinder - egal aus welchem Bundesland oder an einem Institut oder verstreut an verschieden Schulen - Unterricht in Gebärdensprache bekommen. Dass Gebärdensprache selbstverständlich ist und langwierige Diskussionen, warum Gebärdensprache wichtig ist, nicht mehr notwendig sind."
(cg)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

Bookmark: