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Tag der Muttersprache: CODA - in zwei Welten leben

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Interview mit CODA Isabella Rausch
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Elizabeth Rotter-Sramenko: "Hallo allerseits, am 21. Februar ist der Tag der Muttersprache. Für uns gehörlose Menschen ist die Gebärdensprache die Muttersprache. Wir haben heute Isabella Rausch eingeladen, die CODA ist - CODA ist die Abkürzung für Children Of Deaf Adults. Sie hat also gehörlose Eltern und ist fließend in der Gebärdensprache. Ich würde dich bitten Isabella, kannst du dich vorstellen?"

Isabella Rausch: "Herzlichen Dank für die Einladung. Ich heiße Isabella Rausch (zeigt Gebärdenname) und der Gebärdenname für Rausch ist tatsächlich so wie der Rausch."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Bitte erzähle mal Isabella über dein Aufwachsen als CODA, wie war es in einer gehörlosen Familie zu sein, in der hörenden Welt keine Gebärdensprache zu bekommen - du bist praktisch von einer Welt zur anderen hin- und hergependelt. Wie war das in der Schule, als man mit dir gesprochen hat und keine Gebärdensprache angeboten wurde? Hast du da die Muttersprache vermisst im Aufwachsen? Erzählt mal bitte, wie es für dich war."

Isabella Rausch: "Danke für die Frage, natürlich erzähle ich sehr gerne. Mir war damals nicht bewusst, dass die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) meine Muttersprache ist. Als Kind war es ganz normal, die ÖGS anzuwenden, mit den einen habe ich gesprochen in der Familie und zuhause gebärdet - also es war nicht so, dass ich gewusst habe, dass ÖGS die Muttersprache ist. Aber erst im Laufe der Zeit dann, spätestens nach dem Schuleintritt war mir klar, es gibt kein gebärdensprachliches Angebot und da war mir klar, dass die Welt aus vielen Menschen, die nicht gebärdensprachkompetent sind, besteht. Also in der Schule wurde durchgängig gesprochen, akustisch gesprochen. Also die Welt ist eine hörende Welt, dass war die Schlussfolgerung und ich selbst habe mich nicht zugehörig gefühlt, weil meine Eltern gehörlos sind und wir zuhause ganz klar Gebärdensprache angewendet haben, die ÖGS.
In der Familie gab es zwar hörende Verwandte, aber die Mütter sind neun, zehn Monate schwanger mit ihrem Baby. Im Mutterleib ist es ja praktisch eine stille Welt, das Baby wird durch das Anwenden der Gebärdensprache ja schon von Anfang an im Rhythmus der Gebärdensprache hin- und hergeschüttelt. Spätestens wenn das Kind auf die Welt kommt und im Arm gehalten wird, wird es durch die Gebärden sanft weiter geschüttelt und auch in der Wiege und wo es sonst liegt, werden Gebärden wahrgenommen, durchgängig. Und deswegen war für mich Gebärdensprache ganz normal. Später dann war es klar, Gebärdensprachen sind nicht überall vorhanden. Es war normal für mich, aber nicht im Angebot und man hat mich auch als nicht normal angesehen, weil ich gehörlose Eltern habe und das war ein bisschen kränkend, das hat weh getan."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Du fühlst dich also zur Gehörlosenwelt zugehörig?"

Isabella Rausch: "Ja klar."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Wie siehst du Gebärdensprache in Bezug auf deine Identität? War das schwierig für dich deine Identität zu finden?"

Isabella: "Die Frage ist, muss ich für eine Gehörlosen-Identität gehörlos sein (alte Gebärde für gehörlos wird verwendet)? Ist also die sogenannte deaf identity an einen Hörstatus gebunden? Ich selbst kann hören, habe trotzdem die Werte der Gebärdensprachgemeinschaft verinnerlicht, von wegen Blickkontakt halten, wenn man miteinander kommuniziert oder jemanden antupfen, an der Schulter berühren, wenn man etwas sagen möchte - für mich war es auch nicht üblich, von hinten angesprochen zu werden stimmlich, sondern es hat Blickkontakt gegeben, um etwas sagen zu können, um miteinander zu sprechen. Das heißt, die Werte der Gehörlosenkultur habe ich zwar verinnerlicht, aber von außen werde ich als Hörende, oder der hörenden Kultur zugeordnet bzw. betrachtet."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Hat sich ein Gemeinschafts- bzw. Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen anderen CODAs, die auch gehörlose Eltern haben und selbst hören können, ergeben als du klein warst? Hat sich dadurch, dass die genauso mit ihren Eltern Gebärdensprache angewendet haben, so etwas wie eine Verbindung zu dir herstellen lassen?"

Isabella Rausch: "Ja klar, wir haben einander angesehen und haben gewusst: wir sind gleich. Dass wir jetzt CODAs sind, dass uns bewusst ist, wir haben eine eigene Kultur oder so, das war nicht klar. Aber als wir früher im WITAF waren bei Veranstaltungen, war klar: manche Kinder sind gehörlos und manche sind KODAs. Ganz kurz erklärt: KODAs mit K bezieht sich auf Kinder unter 18 Jahre und ab 18 werden CODAs mit C bezeichnet. Das heißt, uns als KODAs war nicht klar, dass wir KODAs sind, aber wir wussten, wir sind anders als die, die gehörlos sind. Wir können also nicht nur sprechen, sondern können auch gebärden und wissen auch den gewissen Verhaltenskodex anzuwenden. Was das jetzt im Detail bedeutet hat, wussten wir damals nicht."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Welche Angebote gibt es derzeit für KODAs in Österreich und weltweit betrachtet?"

Isabella Rausch: "Oh ja, es gibt einiges in Österreich, sehr viele Angebote bereits in den letzten Jahren - Oberösterreich ist da in der Vorreiterrolle mit dem KODA-Eltern-Wochenend-Camp. Ungefähr vier Tage lang werden an verlängerten Wochenenden Angebote gestellt, wo gehörlose Eltern Vorträge besuchen können in Gebärdensprache und die Kinder gleichzeitig betreut werden. Das heißt, die teilnehmenden Kinder sind KODAs und haben da spielerisch die Möglichkeit einander kennenzulernen und miteinander Zeit zu verbringen, ohne dass irgendjemand den Stempel KODA bekommt, sondern einfach Zeit miteinander verbringen, das ist der Sinn. Die Eltern haben gleichzeitig, wie gesagt, die Möglichkeit Vorträge zu genießen.
Dann gibt es bereits auch in Österreich und in Deutschland CODA-Camps für Leute, die bereits 18 Jahre alt sind. CODAs, die 18 sind, treffen einander zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten europaweit. In Irland und Frankreich gibt es bereits Angebote, aber weltführend ist die USA mit dem Angebot für CODAs. Die haben schon vor ungefähr 30 Jahren mit der CODA-Bewegung begonnen und Camps veranstaltet und vor kurzem habe ich gelesen in der DGZ (Deutsche Gehörlosenzeitung), da hat jemand geschrieben, dass ein Kind, ein KODA-Kind, somit den Zutritt zu einer exklusiven CODA-Treffen-Gemeinschaft hat. Und dann habe ich mich sehr darüber wundern müssen, was das heißt. Wird aus der Sicht von gehörlosen Personen CODA extra betrachtet? Naja, und solange man das so sieht, werden sie sich extra treffen, wenn es innerhalb der Gehörlosengemeinschaft die Möglichkeit gibt Angebote in Anspruch zu nehmen - die gab es halt früher nicht - braucht man auch keine extra Programme. Das heißt, es ist auch jetzt möglich Parallel-Programme durchführen zu können, gemeinsam etwas zu machen."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Das ist schön, wirklich sehr schön und auch sehr, sehr wichtig, dass es da eine Form von Austausch und Vernetzung gibt und man sich verbunden fühlt - so etwas wie eine große weite Gebärdensprachfamilie."

Isabella Rausch: "Ja, am 21. Februar ist ja der Tag der Muttersprache und für uns CODAs ist die Österreichische Gebärdensprache unsere Muttersprache. CODAs sind nicht unbedingt im Zentrum der Gehörlosenkultur, sondern eher am Rand. Solange die gehörlosen Eltern ein kleines Kind haben, sind KODAs natürlich im Mittelpunkt und bis sie dann groß werden, erwachsen werden, rücken sie dann immer weiter an den Rand der Kultur und Gehörlosengemeinschaft."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Ja gut, also innerhalb der Gehörlosen-Community gibt es ja sehr viele Eltern, die KODA-Kinder haben und so passiert es doch manches Mal, dass man bei gewissen Amtswegen oder Terminen in einer Schule oder beim Arzt, wo man kurze Besprechungen haben muss, dass Eltern ihre Kinder benützen, die KODA-Kinder - sagen wir mal so - als DolmetscherInnen benützen. Das sollte so nicht sein, weil dies ja eine Form von Missbrauch ist. Kinder sollen nicht arbeiten, sondern man soll DolmetscherInnen bestellen. Aber leider passiert das immer wieder, dass das vorkommt. Was würdest du da empfehlen?"

Isabella Rausch: "Ja, das ist eine gute Frage. Oft ist die Situation so, dass Dolmetschdienste benötigt werden, aber es sind keine verfügbar. In Kärnten zum Beispiel ist die Situation katastrophal, ich glaube, es sind nur vier Personen dort registriert. Vier DolmetscherInnen für das ganze Bundesland, wie sollen die das denn schaffen, das ganze Bundesland zu versorgen, zeitlich? Und in einer Notsituation ist es nachvollziehbar, dass jemand, der die Gebärdensprache und sprechen kann, helfen soll. Die Motivation ist mir also klar. Ich glaube nicht, dass Eltern die Absicht haben ihren Kindern Schaden zuzufügen. Ich denke nur, dass die Eltern den Gedanken haben: hilf mir, rette mich aus einer misslichen Situation."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "So etwa wie in einem Notfall."

Isabella Rausch: "Ja nicht nur Notfall, aber unbedingt etwas, was jetzt gebraucht wird bzw. niemand ist verfügbar, ach kannst du mir nicht helfen? Als Vergleich dazu möchte ich ein Beispiel geben: ich räume den Geschirrspüler ein und sag meinem Kind: bitte sei so gut und räume ihn nachher aus. Das ist ja auch eine Form von Arbeit bzw. Staubsaugen ist auch ein Form von Arbeit."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Haushaltshilfe?"

Isabella Rausch: "Ja, aber das ist anders, als beim Übersetzen. Denn das was gehört wird, in Gebärdensprache zu übertragen und von ÖGS ins Gesprochene zu übersetzen, ist mit einer Verantwortung verbunden. In Bezug auf das Staubsaugen von vorhin, wo wäre da die Verantwortung? Oder beim Aufräumen? Wo ist da der Verantwortungsbereich? Falls ein Teller zu Boden fällt und zerbricht, kann man ihn ersetzen, also einen neuen Teller kaufen. Allerdings inhaltlich bei einer Übersetzung oder Dolmetschung ist die Verantwortung an das Kind jene, dass es genau aufpassen muss, was es übersetzt und die Verantwortung darin liegt, dass, wenn man etwas falsches sagt, vielleicht negative Konsequenzen zu erwarten sind. Der Punkt ist also die Verantwortung."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Ach so. Meinst du, bei kleinen Konversationen, so Small-Talk-Gesprächen, wo man sich kurz unterhält, unter FreundInnen zum Beispiel, wäre das genauso dramatisch, wenn es jetzt nicht offiziell, sondern informell ist. Ist das dann auch Arbeit?"

Isabella Rausch: "Wenn von Seiten der Eltern der Auftrag kommt: bitte, sag in Gebärdensprache was gesprochen wird und ich den Auftrag erteile, ist es ein Arbeitsauftrag. Es geht um Arbeit. Es kann natürlich sein, dass Kinder - und das habe ich oft erlebt - hören, dass irgendetwas passiert oder etwas Interessantes stattfindet, dann zu ihren Eltern hinlaufen und sagen: he, ich habe gehört, das oder jenes und das dann in Gebärdensprache wiedergeben. Wenn sie aus freien Stücken erzählen, ist das etwas anderes. Die Not oder das Bedürfnis der Eltern: ich will, ich brauche, du sollst, ich verlange von dir, das zu übersetzen - das ist ein konkreter Arbeitsauftrag."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Ja, ich sehe, da ist ein Unterschied."

Isabella Rausch: "Es gibt also auch Kinder, die das, was sie in Musik hören, in Gebärdensprache wiedergeben oder Dinge, die in der Schule passiert sind, zuhause wiedergeben. Es geht also nicht darum, dass Kinder nichts erzählen sollen, sondern dass die Eltern nicht fordern sollen, zu einem gewissen Zeitpunkt gewisse Informationen abzurufen."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Haben KODA-Kinder Rechte?"

Isabella Rausch: "Das ist eine gute Frage. Spezielle Rechte für KODA-Kinder gibt es keine. Es ist auch nirgendwo gesetzlich festgehalten. Mit der Anerkennung der Österreichischen Gebärdensprache wurde die Muttersprache berücksichtigt, allerdings ein tatsächliches Angebot, dass KODAs in der Schule Gebärdensprache bekommen oder gebärdensprachlichen Unterricht angeboten bekommen, davon ist nichts zu finden. Auch nicht in Kindergärten. In Vereinen allerdings gibt es die Möglichkeit für KODAs auf freiwilliger Basis, aber von staatlicher Seite her ist das ein Manko."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Wie sieht das denn eigentlich aus seit Anerkennung der ÖGS, nach all den langen Jahren und nach der Anerkennung 2005 in der Bundesverfassung..."

Isabella Rausch: "Ja hurra, wir haben es geschafft. Anerkennung!"

Elizabeth Rotter-Sramenko: "...siehst du da eine Veränderung gesellschaftlicher Natur von damals zu heute?"

Isabella Rausch: "Ja, ich kann mich daran erinnern, da bin ich mal im Bus gefahren mit meiner Mutter, ich weiß gar nicht mehr wohin. Und wir haben uns fleißig unterhalten in Gebärdensprache und zwei Burschen saßen dort und haben sich über uns lustig gemacht und haben gesagt: ah, die sind dumm, die verwenden Affensprache. Und das hat mich wahnsinnig erzürnt. Ich habe meiner Mutter erzählt, was die Jungs gesagt haben und sie hat das abgetan und meinte, ja die wissen halt einfach nicht, was Österreichische Gebärdensprache ist. Sie haben nur nicht aufgehört zu lachen und zu spotten und das hat mir ziemlich weh getan damals. Meiner Mutter war es nicht klar und konnte mir diesbezüglich auch nicht helfen, aber das hat mich sehr gekränkt. Jetzt, so nach Anerkennung 2005 - die ÖGS wurde anerkannt - sieht man ja ÖGS überall: in den Medien, es gibt es viele Kursangebote, die ausgebucht sind, Leute sind bereit ÖGS zu lernen und Gebärdensprache zu können ist cool und früher war es so etwas wie eine Affensprache. Heutzutage kann man sie auch als Geheimsprache anwenden und sie ist cool geworden."

Elizabeth Rotter-Sramenko: "Super, super. Vielen Dank für die wertvollen Informationen, nicht nur für uns, sondern für alle, die zuschauen. Das war ganz toll, dass du gekommen bist. Vielen, vielen Dank Frau Rausch! Tschüss."

Isabella Rausch: "Tschüss."
(kc)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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