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Interview mit Horst Sieprath

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Lebenslauf un Arbeit
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Ich interviewe Herrn Horst Sieprath. Er ist ein Lektor für Deutsche Gebärdensprache am Lehrstuhl für Deutsche Philologie am Germanistischen Institut der RWTH Aachen. Früher hat er auch in anderen Fachgebieten gearbeitet und später hat er dann als Mitarbeit im Zentrum für "Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser" an der Universität Hamburg gearbeitet. Er hat auch am Gebärdenlexikon des Verlages "hörgeschädigte Kinder" mitgearbeitet.

1. Frage. "Herr Sieprath, wir begrüßen Sie gerne. Können Sie uns bitte über ihre Ausbildung und Beruf erzählen?"

...zurück in meine Schulzeit..., zurück zur 7.Klasse der Hauptschule. Eigentlich sollte ich auf Empfehlung meiner damaligen Lehrer schon auf der Realschule sein. Ich wollte es mir aber nicht schwer machen, außerdem war ich unsicher, ob ich auf der Realschule überhaupt mithalten könne. Daher bin ich auf der Hauptschule geblieben, konnte von der 7.Klasse gleich in die 9.Klasse, habe also die 8.Klasse übersprungen. In der 8.Klasse wäre ich unterfordert gewesen. Kurz vor Ende der 10.Klasse, also kurz vor Ende der Regelschulzeit, dachte ich mir, dass kann doch nicht alles gewesen sein. Und nun....? Ich sollte eine Ausbildung als Feinmechaniker beginnen. Allerdings hatte ich von diesem Beruf nur vor Augen, täglich an Maschinen zu stehen und sich die Finger schmutzig zu machen. Das wollte ich gar nicht. Als Hobbybastler könnte ich ab und zu mal das Auto reparieren, das wäre in Ordnung. Aber täglich eine solche Arbeit zu machen, konnte ich mir nicht vorstellen.
Ich erinnerte mich an die Situation in der 7.Klasse. Die Lehrer hatten mir damals geraten, auf die Realschule zu wechseln. Dazu habe ich mich dann kurz vor Beendigung der 10.Klasse doch noch entschieden. Ich war erst jetzt zu diesem Zeitpunkt dazu bereit.

Die Lehrer waren überrascht, dass ich nun bereit war, diesen Schritt zu wagen. Nach Rücksprache mit der Schulleitung konnte ich während des laufenden Schuljahres auf die Realschule wechseln. Die Regelschulzeit ist typischer Weise so, dass man nach der 6.Klasse auf die Realschule wechselt und dann dort bis zur 12. bleibt. Ich stieg allerdings gleich in die 9.Klasse ein und erlebte eine Überraschung. In Mathematik kam ich gar nicht mehr mit und im Unterrichtsfach Englisch hatte ich gar keine Vorkenntnisse. Ich musste sehr, sehr viel nacharbeiten. Mit Hilfe von Nachhilfeunterricht schaffte ich schon bald den Anschluss. Mir war klar, dass ich den Beruf des Feinmechanikers auf gar keinen Fall erlernen wollte.

Mein neuer Berufswunsch war Arzt zu werden. Sicher ist es merkwürdig von einem ursprünglich handwerklichen Berufswunsch nun Mediziner werden zu wollen. Wichtig war mir, einen Beruf zu erlernen, in dem ich mit Menschen oder Tieren zu tun haben würde. Ich wollte Menschen heilen oder Tiere pflegen oder Ähnliches. Die Lehrer damals haben mich ausgelacht. Wie das denn gehen sollte, ohne hören zu können, ohne kommunizieren zu können. Damals meinte man aber eher ohne s p r e c h e n können nun einen solchen Berufswunsch zu haben, sei doch absurd. Ich hatte damals auch keine Argumente, um mein Ziel zu erreichen. Ich musste ihnen ja auch Recht geben. Ich kann nicht hören und nicht s p r e c h e n. Welcher Beruf der beste für mich wäre, fragte ich. Man riet mir, doch Vermessungstechniker zu werden. Dies war nicht meine Entscheidung. Ich hatte mich in einigen Bereichen umgeschaut, zum Beispiel als Physiklaborant und in anderen Bereichen. Aber all diese Berufe gefielen mir nicht so recht. Mathematik lag mir sehr, daher folgte ich der Empfehlung zu diesem, wie die Lehrer damals sagten, Spitzenberuf - Vermessungstechniker. Nach meiner Vorstellung war dieser Spitzenberuf ein Beruf, in dem man mit Anzug und Krawatte, mit einem Aktenkoffer in der Hand steht und ein hohes Ansehen auch in der Gehörlosengemeinschaft erlangt. Ja so war mein damalige Vorstellung von diesem Beruf.

Es ist ja auch ein schöner Beruf, allerdings hat man gar nichts mit Menschen zu tun. Vermessungen draußen vornehmen, durfte ich nicht. Das war für einen tauben Mitarbeiter viel zu gefährlich wegen des Verkehrs. Ich verrichtete also reinen Innendienst und arbeitete am Schreibtisch. Heute können gehörlose Vermessungstechniker wohl auch Außendienst machen. Mit der Zeit war ich von der monotonen Arbeit am Schreibtisch demotiviert. Ich hatte keine Herausforderung mehr. Ich fühlte mich unterfordert. Meine Gedanken waren ganz woanders, sie waren auch der Zeit voraus. Die Chance Arzt zu werden war vertan und ich brauchte neue Herausforderungen, so engagierte ich mich im sportlichen Bereich. Ich wurde Jugendwart. Rudi Sailer war damals mein Ausbilder. Auch er macht heute andere Dinge wir begegnen uns ab und zu.

Meine ursprüngliche Neigung, nämlich mit Menschen zu arbeiten - zu helfen, wäre der falsche Begriff -, lag mir immer noch. Mein Job war es aber, am Schreibtisch zu sitzen. Dann wurde ich auf Gebärdenkurse an der VHS (Volkshochschule) aufmerksam gemacht. Ich selbst war mir gar nicht bewusst darüber, dass ich als gehörloser Mensch Gebärdensprache benutze und schon gar nicht darüber, dass es eine Sprache ist. Schlimm genug. Wichtig war ja immer, nur zu sprechen. Ich ging zur VHS und habe mir angeschaut, was dort unterrichtet wurde. Es war ein Lehrer der Gehörlosenschule, der dort unterrichtete. Das machte mich ärgerlich, ich reagierte gereizt und ärgerlich. Warum wusste ich gar nicht so genau. Heute weiß ich, es lag daran, was ich beobachtete. Nicht die Gebärdensprache, die wir benutzten, wurde unterrichtet, sondern lautsprachbegleitendes Gebärden (LBG). Dies war nicht meine Sprache, aber ich wusste auch nichts über die DGS (deutsche Gebärdensprache). Mein beruflicher Alltag litt darunter, dass ich in Gedanken nicht mehr bei der Sache war. Ich war gedanklich bei der Konzeption von DGS-Unterricht. Mein damaliger Chef war verärgert über mein zunehmend verlangsamtes Arbeiten. Es wurde der Landschaftsverband Rheinland eingeschaltet. Frau Lier-Steffens wurde zum Gespräch bestellt, um die Situation am Arbeitsplatz zu verbessern. Sie hatte Verständnis für meine Situation und es war ihr klar, dass mein Interesse woanders lag, nämlich bei der Gebärdensprache. Um aber den Arbeitsplatz zu behalten, riet sie mir, die Arbeit nicht zu vernachlässigen. Ich versuchte mich zusammen zu nehmen, hatte aber jegliche Motivation verloren. Ich wollte mich im Bereich der Gebärdensprache engagieren.

Damals stieß ich dann zu einer Selbsthilfegruppe. Dort lerne ich auch Isa Werth kennen, sowie Norbert Hesselmann und Frank Buhrmester. Dort erfuhr ich, was sie machten. Ich spürte, dass ich als Vermessungstechniker nicht auf einer Stufe mit ihnen stand. Norbert studierte damals Sozialpädagogik, soviel ich weiß, und Frank studierte BWL (Betriebswirtschaftslehre). Ich spürte, alle 3 waren mir voraus. Auch Isa Werth hatte ihr Abitur, die anderen ebenso. Ich war der einzige, der ohne Abitur da stand. Ich war mir sicher, auch das zu schaffen und mich stark zu engagieren. Mit Isa habe ich damals sehr kontroverse und hitzige Diskussionen geführt. Sie war eher oralistisch orientiert, lautsprachlich erzogen und warnte mich damals vor meinen radikalen Einstellungen und Forderungen. DGS war für mich das einzig Richtige. Besonders im Umgang mit Eltern bat Isa mich darum, eine etwas vorsichtigere Haltung anzunehmen. Ich war schon sehr radikal in meinen Forderungen. Wenn ich heute zurückblicke, erkenne ich selbst dass ich schon eine sehr extreme Haltung hatte. Denn ich wehrte mich gegen die Unterrichtsmethode der Lehrer. Ich habe dann mehr und mehr Menschen kennengelernt, die auch heute hier sind. Es ist mir heute schon peinlich, aber ich musste mich emanzipieren und aus mir heraus kommen, dadurch ging ich diesen radikalen Weg mit der Forderung nach DGS. Einige Zeit später war es Norbert Hesselmann, der die Idee hatte an der Uni in Aachen ein DGS Projekt einzurichten. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Es gab ja schon das Institut in Hamburg. Aber gut, eine zusätzliche Institution könnte man ja mal probieren. Es ist übrigens auch ganz typisch für mich zu sagen: ach lasst es uns einfach mal ausprobieren. Ich glaube es ist eine ganz wichtige und entscheidende Haltung für einen Menschen. Wenn man bereit ist etwas auszuprobieren, kann man auch neue Wege wagen und Erfahrungen machen. Also haben wir begonnen Kontakte zu knüpfen und aufzubauen. Wir hatten auch gute Kontakte zum ASTA und der Studenten Vereinigung. Da gab es dann Leute, die wiederum andere kannten und so kam es zum Kontakt zu Herrn Schultheis vom Landtag NRW. Er ist übrigens zur Zeit Kandidat für das Amt zum Oberbürgermeister von Aachen. Wie sich die Zeiten ändern.... Jedenfalls haben wir bis heute ein nettes Verhältnis. Er ist immer noch interessiert daran zu wissen wie hier an der Uni die DGS Projekte vorangehen. Damals lernte ich auch Mäggie kennen, eine Dolmetscherin. Sie bewegte mich dazu Kontakte mit der Uni Hamburg und Herrn Prof. Prillwitz zu knüpfen. Ich war mir damals sehr unsicher, ob ich das könnte. Aber es ging. Ich lernte Prof. Prillwitz kennen. Man traf sich, es wurde besprochen wie man zusammenarbeiten kann und es kam dazu dass ich als freier auswärtiger Mitarbeiter Videoaufnahmen für die Hamburger machte. Dies waren die ersten Schritte zu meiner heutigen Tätigkeit.
Ich war immer noch als Vermessungstechniker tätig und alles im Bereich der Gebärdensprache machte ich in meiner Freizeit. Ich besuchte dauernd Veranstaltungen und Kongresse, die sich mit dem Thema DGS beschäftigten. Meine sportlichen Aktivitäten wurden vernachlässigt. Ja, mein gesamtes Privatleben bestand nur noch daraus. Daher habe ich auch so spät geheiratet."

2. Frage: "Können Sie uns mitteilen, welche Persönlichkeits- und Charaktereigenschaften Sie haben, die Sie in Ihrem Leben weiterbringen und zu Ihrer höchsten Leistung gebracht haben? Gibt es vielleicht Fehler in Ihrem Leben, die Sie bereuen?"

"Ja, wie bin ich soweit gekommen? Ohne Abitur? Ich glaube es liegt viel daran, dass ich von Natur aus und in meinem Innersten ein sehr neugieriger Mensch bin. Egal um was es sich handelt: Politisches, Medizinisches, die Biologie, ganz egal, was auch immer, ich bin neugierig. Es interessiert mich das WAS, WARUM, und WOHER. Neugierde ist wichtig, um die Motivation zu steigern. Während meiner Schulzeit war ich ganz und gar nicht motiviert. Trotzdem war ich, und das sage ich nicht um mich zu loben, leider, muss ich sagen, der Klassenbeste. Die Lehrer mochten mich gar nicht. Ich war zu aktiv, habe den Klassenkameraden geholfen und sie unterstützt. Das haben die Lehrer nicht gerne gesehen. Sie sahen dies als ihre Aufgabe.

Durch die Aktivitäten in den Vereinen und meinen Erfahrungen habe ich viel Negatives gesehen. Ich nenne es mal so: ich bekam häufig "Augenschmerzen" und die motivierten mich zu meinem eigenen Engagement. Ich bin ein sehr kritischer Mensch, ernte aber auch selbst viel Kritik. Das kann natürlich auch sehr unangenehm sein. Ich glaube, dass oftmals Neid zu negativer Kritik führt. Kontakte zu mir wurden abgebrochen, eben weil ich so kritisch bin. Vielleicht bin ich aber auch eher ein unbeliebter Mensch? Selbstverständlich gibt es auch Menschen die mich mögen. Das gilt ja auch umgekehrt so. Ich bin eben so, wie ich bin, und bleibe, wie ich bin. Ich lasse mich nicht verbiegen. Wenn ich mich mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich sagen ich bin ein "stiller Kämpfer", halte mich im Hintergrund. Einmal habe ich mich zu sehr aus dem Fenster gelehnt und mich dadurch sehr in den Vordergrund gestellt. Das war mir eine Lehre und ich würde es nie wieder tun. Es hieß damals gleich: "typisch Horst". Ich will gar nicht an erster Stelle stehen, sondern agiere mehr im Hintergrund. Zum Beispiel habe ich in Vereinen niemals den ersten Vorsitz, häufig aber den zweiten Vorsitz. Im Verein Kulturgemeinschaft Gebärdensprache (KGGS) ist Isa die erste Vorsitzende, während ich der 2.Vorsitzender war, im Förderverein Gehörlosenheim Euskirchen war ich der zweite Vorsitzende und in einem Aachener Förderverein bin ich Beisitzer. Ich bin also im Hintergrund tätig, habe beratende Funktion und unterstütze dort, wo ich kann.

3 Frage: "Was ist Ihrer Meinung? Was sollte man als Gehörlose am besten machen! Was würden Sie raten, wenn ein Mensch die Stärke und Schwäche haben?"

"Besonders wichtig ist es, die Menschen leben zu lassen, so wie sie sind und sie zu ermutigen und nicht zu entmutigen oder gar zu unterdrücken. Egal ob sie behindert sind, welche Behinderung sie haben, ob sich jemand merkwürdig verhält oder nicht. Die Stärken des Menschen erkennen und diese nutzen und fördern ist wichtig. Gemeinsam dann Dinge zu bewegen und dadurch weiterzukommen.
Ein Grundsatz von mir ist es, sich immer an der Natur zu orientieren, sie ist unser bester Lehrer."


Danke für Ihr Interview!
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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