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Interview mit Prof. Dr. Christian Rathmann

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Prof. Dr. Christian Rathmann ist der erste gehörlose Professor Deutschlands
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Hallo! Prof. Dr. Christian Rathmann, wir freuen uns sehr, Sie persönlich getroffen zu haben und mit Ihnen ein Interview durchführen zu dürfen. Gratuliere, Sie sind der erste gehörlose Professor in Deutschland! Könnten Sie uns erzählen, wie es am Anfang war? Wie haben Sie Ihr Ziel geschafft? Wie kam es dazu? Und bitte stellen Sie sich uns kurz vor.
Hallo! Meine Name ist Christian Rathmann. Ich will Ihnen gerne erzählen, wie ich mein Ziel, Professor zu werden, erreicht habe.

Als ich aufwuchs dachte ich nie daran einmal Professor zu werden. Ich habe nie erwartet so weit zu kommen. Mein Leben verlief wunderbar glatt und gut. Mein Hauptinteresse ist die Forschung, mein größter Wunsch war es stets zu forschen und zu unterrichten. Ich ging dann in die USA ging um dort zu studieren. In meinem Studium kam ich gut voran, und es boten sich glänzende Karrierechancen. Ich ließ mich in den USA weiter ausbilden. Mein Fachrichtung war die Sprachwissenschaft (Linguistik).

Dieses Studium ermöglichte mir die Karriereleiter empor zu steigen. Es kam für mich nicht in Frage mich in Selbstzweifel zu üben, ob ich es schaffen könnte. Es war mir ganz klar, dass auch ich etwas leisten kann. Wie man in den USA mit den Gehörlosen umging stärkte mein Selbstvertrauen und gab mir den richtigen Anstoß beruflich in diese Richtung zu gehen.

Eigentlich wollte ich wieder in meine Heimat zurück gehen, dorthin, wo ich aufwuchs. Aber Bewerbungen und Jobangebote kamen eigentlich damals nur aus den USA.


Toll! Als Sie mit dem Studium fertig waren und arbeiten mussten, kamen Sie aus den USA zurück in Ihre Heimat. War es schwer für Sie sich umzustellen? Seit Ihrer Rückkehr arbeiten Sie ja am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg. Gibt es hier etwas, wo Sie noch Nachholbedarf sehen? Wie läuft es mit dem Dolmetschdienst in Ihrem Arbeitsbereich?
Ich hatte keine Schwierigkeit mich umzustellen und einzuleben. Auf der Universität bereitete ich mich mit Unterlagen auf den Unterricht vor und machte Seminarvorbereitungen für Pädagogik, erledigte Verwaltungsarbeiten u.s.w. Außerdem waren meine Kollegen und ich ein eingespieltes Team. Außerhalb der Universität arbeiteten wir noch in der Forschung eng zusammen. Damit beschäftigte ich mich im Großen und Ganzen.

Was ich in Deutschland ändern und bearbeiten musste war vor allem das System des Dolmetschdienstes.

In den USA gab es ein ausgearbeitetes Informationssystem des Dolmetschdienstes. Dort war es viel einfacher. Zum Beispiel bekam man eine gesuchte Information viel schneller, wo und wie man eineN DolmetscherIn bestellen konnte. Wer musste dafür bezahlen? Musste ich die Dolmetschbestellung immer selbst organisieren?

Die gleichen Fragen kamen in Deutschland besonders oft vor. Dort war es oft unklar, wie man damit korrekt umgehen muss. Außerdem gab es eine enorme Bürokratie in der Verwaltung u.s.w. Dadurch entstand oft ein unnötig großer Aufwand. Man muss sich in Deutschland mit diesem Mühsal abfinden.

Deswegen muss ich im Dolmetschbereich einiges ausarbeiten lassen. Aber es war nur eine Kleinigkeit, die geändert werden musste.


Also es gibt im Dolmetschbereich noch viel aufzuarbeiten. Ist der Kodex von Ethik für Dolmetscher genug ausgearbeitet oder muss es noch vertieft werden? Muss man sich extra Zeit nehmen für die Dolmetschvorbereitung? Und wie Sie erzählen, müssen Sie sich auch für Vorträge neben der Dolmetscherei vorbereiten?
Ich war sehr beansprucht. Es hab viel zu tun. Warum? Regelungen mussten getätigt werden. Verträge abgeschlossen werden. Alles sollte schon eine Woche vor Vorlesungsbeginn erledigt sein. Es war sehr zeitaufwendig, ich musste für die Übersetzung, Verwaltung, Bürokratie, Dolmetscherei etc. sorgen.

Deshalb nahm ich mir eine Woche vorher Zeit um ich richtig vorzubereiten, damit ich mit genügend Wissen ausgerüstet war um einen Überblick bis zur letzten Minute zu haben, bevor ich mich ins turbulente Treiben warf. Aber es war halb so schlimm!

Es dauert wohl noch, bis sich alles eingespielt hat.


Sie sind der erste gehörlose Professor Deutschlands. Haben Sie schon gewusst, dass Sie wirklich der Erste sind?
Ich glaubte, jemand wie ich wäre anders. Ich dachte wirklich nicht daran, dass ich der erste gehörlose Professor in Europa sein würde. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Ich glaube das Problem bestand darin, dass ich in meinen 4 Jahren in den USA, während meiner Ausbildung von vielen gehörlosen Professoren unterrichtet und unterstützt wurde, wie zB. Carol Padden, Ted P. Sie alle hatten großen Einfluss auf mich.

Als ich mich mit meinem Fach beschäftigte, erfuhr ich, dass ich tatsächlich der erste gehörlose Professor Europas bin! Ich wusste das vorher nicht. Warum auch, ich hatte viele Vorbilder und Lehrer in Amerika. Ich war stark von Amerika beeinflusst.


Sie haben eine hohe Position an einer Universität inne. Gibt es dort Barrieren für Sie als Gehörloser? Sind Sie zufrieden mit dem Zustand?
Mein größter Wunsch ist es zu forschen, zu unterrichten und in einem Netzwerk mit allen Fakultäten zusammen zu arbeiten. Alle drei Punkte sind wichtig. Es ist schwer genug, die Barrieren im Gehörlosenbereich sind Themenschwerpunkte. Wie können sie überwunden werden?

Man sollte versuchen jeden Bereich zu betrachten und dann herauszufinden, was schon vorhanden ist. Danach visiert man das Ziel an und setzt entsprechende Schritte dahin. Dabei ist wichtig, dass in jedem der drei Bereiche berücksichtigt werden sollte, dass das Fachpersonal ausreichend Kompetenz besitzt.

Überall findet man Barrieren. Man muss schauen, dass Barrieren aufgelöst werden. Wenn die Barrieren weg sind, sind weitere Schritte möglich und man kommt einen Schritt weiter, wo man wieder nach Barrieren sucht, die man wenn notwendig oder möglich, überwinden soll. So geht das Schritt für Schritt. Das allerwichtigste ist es barrierefrei zu sein.

Barrierefreiheit bedeutet aber auch, dass Dolmetscher zur Verfügung stehen.

MitarbeiterInnen, mit denen ich zusammenarbeite, denken anders über mich und sehen mich anders. Sie haben aber mit mir als Gehörlosen Mitleid und wollen mir helfen. Das wollte ich aber nicht! Ich wünschte mir von ihnen, dass sie mich nur als Christian ansehen. Wir sind alle Individuen. Sie sollen nur registrieren was sie und ich kommunizieren, also Inhalte. Aber nicht auf mich und meine Andersartigkeit achten.

Was mir offensichtlich ist, ist die mentale Barriere. HUH! Die ist in Europa sehr stark da. Wahnsinnig stark! Ich würde empfehlen, dass sich in diesem Punkt die Politik einschaltet. ZB. eine Zusammenarbeit mit dem österreichischen Gehörlosenbund, mehr Öffentlichkeitsarbeit. Einer allein schafft den Zugang zur Politik nicht. Schön wäre es wen ein Einzelner mehr erreichen könnte. Aber trotzdem, ohne Politik geht es nicht.


Vielen Dank für das Interview!
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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