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Interview mit Achim Zier

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Arbeitsassistenz für Gehörlose und Schwerhörige in Deutschland
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Wie heißen Sie? Welchen Beruf üben Sie aus? Wo arbeiten Sie?
Mein Name lautet V. Zier. Mein Tätigkeitsbereich ist die Kommunikationsberatung und das Konfliktmanagement bei der Firma Theodor-Schäfer in Deutschland. Ich habe auch die Führung in einem Beratungszentrum inne, das die Abkürzung NRBH trägt (Norddeutsches Rehabilitationszentrum Hamburg).


Was machen Sie dort? Welche Aufgaben haben in Hinsicht auf Gehörlose und Schwerhörige?
Was ich am Arbeitsmarkt anbiete, ist folgendes: Ich suche arbeitslosen Gehörlosen und Schwerhörigen eine Stelle. Ich unterstütze sie dabei, Bewerbungen und Lebensläufe zu schreiben, korrigiere diese und erledige die Briefsendungen.

In meiner Beratertätigkeit helfe ich weiters, die Berufsorientierung einzelner herauszufinden - also in welche berufliche Richtung man gehen soll. Dabei gehe ich Schritt für Schritt vor und erstelle einen Berufsfahrplan für Sie.

Wenn Arbeitsuchende keine Rückmeldung von Firmen bekommen, obwohl sie sich dort beworben haben, dann stelle ich den Kontakt zu den Firmen her und versuche herauszufinden, was die Bedenken der Firma sind. Danach analysiere ich die Hindernisse.

Grund für die Bedenken war oft, das die gehörlose Person nicht alle geforderten Kompetenzen erbringen kann - also Defizite hat. Daraufhin trainiere ich mit meinen KlientInnen Vorstellungssituationen und Kommunikationsverhalten. Zum Beispiel lernen sie, wie sie ihre Chancen gut nützen können, wenn sie über Können, Kompetenz, Erfahrung und Selbstvertrauen verfügen. Wir trainieren gemeinsam, wie sie sprachlich reagieren sollten - z. B. antworten.
Ich unterrichte auch EDV. Das ist mein Tätigkeitsfeld.


Welche Ausbildungen haben Sie gemacht? Wie kamen Sie dazu, bei Arbeitsassistenz für Gehörlosen u Schwerhörigen angestellt zu sein? Wie war der Arbeitsbeginn? Wie hat sich der Job bis heute entwickelt?
Ich? Huuh.. (lächelnd) ok..!
Meine erste Ausbildung war in einem Labor - ich war für die Qualitätsprüfung zuständig. Bei dieser Firma blieb ich lange Zeit.

Ich begann jedoch auch, mich für Ehe-, Lebens- und Familienberatung zu interessieren. In Stuttgart gab es eine Weiterbildungsmöglichkeit, die mich schon lange begeisterte. Es ging mir um die sozialen und psychischen Bereiche im beruflichen Leben - eine meiner Stärken. Also habe ich in diese Fortbildung gewechselt und 3 bis 4 Jahre darin investiert. Gleichzeitig ging ich arbeiten. Ich musste mich durchbeißen und das Gleichgewicht zwischen Ausbildung und Beruf halten, bis ich fertig war und meine Urkunde bekam.

Durch die Weiterbildung im sozialen Bereich, wurden mir die Rechte für Arbeitnehmer bekannt. Ich lernte einige DolmetscherInnen kennen... Vom Berufsförderungswerk erfuhr ich, dass ein gehörloser Mitarbeiter gesucht wird als Kommunikationstrainer für gehörlose ArbeitnehmerInnen. Man kannte mich beim Berufsförderungswerk und empfahl mich der Firma. Ich war dort angestellt und es verlief inzwischen gut.

In dieser Firma gab es dann aber Änderungen in Bezug auf gesundheitliche Standards - ich wurde hinaus geworfen.

Dann kam mir die Idee, ein Konzept zu entwickeln. Wir gründeten eine Firma, deretwegen ihr heute bei mir seid.


Hat ihnen bis dato alles gut gefallen? Haben Sie die Ziele erreicht, die Sie sich im Job gesteckt haben?
Ja, ich habe es zu meinem Ziel gemacht, für Gehörlose und Schwerhörige zu engagieren und ihnen meine Fähigkeiten anzubieten. Meine Lebenserfahrung und die der Menschen, die ich vertrete, haben mir die Motivation gegeben, professionelles Kommunikationstraining anzubieten. Gehörlose und Schwerhörige sollen eine neue Perspektive aufgezeigt bekommen - denn heute können wir Gehörlosen alles selbstständig und aktiv tun - nicht so, wie früher!!


Gibt es Barrieren an Ihrem Arbeitsplatz? Wenn ja, welche? Wie haben Sie sie überwunden?
Welche Barrieren? Mich persönlich betreffen? Ok, zum Beispiel... ich will selbständig und aktiv beim Konzept sein. Oder bei AfA (Arbeitsrecht für Arbeitsnehmer) oder ARGE (Jobcenter) oder DRV (Deutsche Rentenversicherung). Dort will ich mich selbständig über Telekommunikation (Telefon) verständigen und auch andere Leute unterstützen.

Der Kunde will mich beauftragen und ich will auf seine Anfragen reagieren. Aber bei der Bearbeitung der Anfragen gab es Probleme mit den zuständigen Firmen - ich brauchte einen Arbeitsassistenten und das ist zeitaufwändig.

Wenn meine Arbeitsassistenten anwesend sind und mich begleiten, kann ich über die per Telefon kommunizieren. Aber wenn Hörende mir Aufträge erteilten und ich diese an meine Arbeitsassistenten übergeben musste, war das gar nicht nach meinem Geschmack. Es gab also schon einige Hindernisse.

Es gibt natürlich auch andere Hindernisse. Ein Chef kennt viele Gehörlose gut und bezweifelt, dass Gehörlose gleich gut wie Hörende arbeiten. Er weiß auch, was diese Gehörlose tun und nicht tun können. Er hat Zweifel, dass ich mehr Kompetenz besitze. So muss ich darum kämpfen, ihm mein Können zu beweisen und ihn davon zu überzeugen. Das war für mich schon ein Hindernis.


Müssen Sie weiterhin gegen Hindernisse kämpfen und sie überwinden? Ich nehme an, Sie müssen auch darum kämpfen, sich dort beweisen zu können? Hörende haben ja Stereotype vor Augen, wenn sie mit dem Thema "Gehörlosigkeit" konfrontiert sind. Sie müssen ja wahrscheinlich darum kämpfen, dass man erkennt, dass Sie einzigartig sind und mehr können.
Ja, ich muss später auch mehr aktiv machen. Ja... ja... ja... das bedeutet, ich muss noch mehr in der Öffentlichkeit zeigen, was wir Gehörlosen können. Ich muss zwei Holzstangen statt nur eine in den Mund nehmen und durchbeißen. Aber es ist auch wichtig, dass ich das erdulden muss.

Vielen Dank für Ihr Interview!
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt

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