Interview mit dem Team von FullAccess Teil 1/2

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FullAccess bietet Beratung und Konzeption bei Veranstaltungen
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Amanda:
Heute gibt es auf Gebärdenwelt ein Interview mit dem Team von FullAccess. Wir begrüßen Frau Riedler von FullAccess, die Veranstaltungen barrierefrei organisiert. Meine erste Frage: Was bewegte Sie zur Gründung von FullAccess?


Christina Riedler:
Da muss ich ein bisschen ausholen, weil im Grunde versuchen meine Mitgründerin, Martina Gollner und ich, damit eigentlich unser eigenes Problem zu lösen. Wir kennen uns seit der Schulzeit, seit dem Gymnasium, und Martina ist von Geburt an hochgradig sehbehindert. Ich war immer schon irrsinnig musikbegeistert und durfte immer auf Konzerte, ich habe mir das zum Geburtstag gewünscht damals in der Schule und wollte immer, dass Martina, als meine beste Freundin, mitkommt. Aufgrund ihrer Sehbehinderung hat sie sich nie getraut. Das hat sich jahrelang so hingezogen, bis ich sie einmal wirklich dazu überredet habe mitzugehen. Ich hatte damals Bekannte von meinen Eltern, die auch eine Sehbehinderung hatten, da war ich einfach Begleitperson. Und nach einiger Zeit konnte ich Martina überreden auf ein Konzert mitzugehen. Das hat ihr dann so super gefallen, weil ich ihr als Begleitperson Sicherheit geben konnte, und einfach so Sachen organisiert habe und das hat super funktioniert. Und dann ist sie da so reingekippt und wir haben angefangen mit Konzertreisen und haben uns dann in Europa und Übersee Konzerte und verschiedene Veranstaltungen angeschaut. 2014 war dann für mich der Wendepunkt. Begleitungen habe ich immer mal wieder gemacht und so. 2014 war ich dann mit Martina in der Nähe von London in Networth bei einem riesigen Openair Festival „Sony Sphere“. Da ist uns aufgefallen, die haben zwei Plattformen für die Bühnen, für Menschen mit Behinderungen. Die eben allen Menschen mit Behinderungen offen gestanden sind. Nicht nur Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen waren da willkommen, sondern alle möglichen Leute. Auf der Plattform war ein junger Mann auf einer Krankenhausliege, der konnte nur noch seinen Kopf bewegen und das relativ schwer. Der war von Kopf bis Fuß in Fan-Klamotte und war da mit uns allen auf der Plattform. Das war so ein einprägsamer Moment, weil das kannte ich von Österreich gar nicht. Das hatte ich bis dahin noch gar nicht gesehen. Und der Moment, wo der Headliner angefangen hat, auf den er auch gewartet hat, wir waren dann eine Masse an Leuten, die hingefiebert haben auf das Konzert. Ich hab mir dann gedacht, Wahnsinn, was er auf sich genommen hat. Er hatte auch zwei Begleitpersonen dabei, die haben ihn da auch ernährt und so weiter. Was man da auf sich nimmt, nur um die Band zu sehen. Zu dem Zeitpunkt sind wir dann auf einmal alle eine Gruppe und da gibt es keinen Unterschied mehr, ob man schlecht sieht oder ganz vorne steht oder da auf der Liege ist. Da habe ich mir gedacht - Wahnsinn - was da geht. Auf der einen Seite was möglich ist und auf der anderen Seite wie wichtig das der Person sein muss. Die ganze Anreise, das muss alles organisiert werden. Da habe ich mir dann gedacht: Wahnsinn! Und wir sind in Österreich und haben da vielleicht gerade einmal die „Rollstuhlplattformen“, da müssen wir irgendwas machen. Das hat mich dann nicht losgelassen irgendwas zu tun und wir haben uns dann gedacht, wir starten einen Blog oder so, irgendwas um den Fuß in die Tür zu kriegen, um was zu bewegen.
Und ein Zufall, naja ein Wettbewerb an der Universität wurde ausgeschrieben, naja nicht wirklich, es war so ein Getränkehersteller, der mit den giveaways einen Wettbewerb ausgeschrieben hat mit Ideen und entrepreneurship (Unternehmergeist) und da habe ich mir gedacht man soll da einen Businessplan machen und einreichen. Wir hatten beide keine Ahnung und haben das einfach gemacht, weil wir uns gedacht haben die Idee ist da, es ist die Gelegenheit da, wir probieren es. Und wir haben dann den "Businessplan" eingereicht und sind dann wirklich in eine Auswahl gekommen, wo wir vor Investoren und Investorinnen unsere Idee vorstellen durften und so ist das ins Rollen gekommen. Also wir haben nicht gewonnen und auch keinen Investor oder Investorin gekriegt, aber es ist so ins Rollen gekommen. Es haben sich dann Leute gemeldet, die die Idee gut fanden und wir könnten es ja dort und da probieren und es war auch ein Workshop ausgeschrieben, an der Universität. Den habe ich dann mitgemacht und so sind wir in ein Förderprogramm gekommen und sind dann quasi so reingerutscht.

Amanda:
Frau Gollner, welche Bedürfnisse gibt es, wenn Menschen mit Behinderungen zu Veranstaltungen kommen?


Martina Gollner:
Wir versuchen die Bedürfnisse von zwei KundInnengruppen unter einen Hut zu bringen. Auf der einen Seite stehen die Veranstalter und VeranstalterInnen, die natürlich mehr Eintrittskarten verkaufen möchten und mehr Menschen auf ihre Veranstaltung bekommen möchten. Auf der anderen Seite stehen die BesucherInnen mit Behinderungen, die je nach Art der Behinderung auch wieder unterschiedliche Bedürfnisse haben.
Das was man machen kann, die Maßnahmen, die man auf Veranstaltungen setzen kann, sind sehr, sehr vielfältig. Auf der wieder anderen Seite sind aber bestimmte Grenzen gesetzt. Die Grenzen liegen einerseits im Bewusstsein des Veranstalters für diese KundInnengruppe. Andererseits in den Kosten und wieder andererseits in den rechtlichen Rahmenbedingungen. Zum Beispiel eine Anfrage, die immer wieder kommt und bestimmt auch immer wieder kommen wird, hat etwas mit den Sicherheitsbestimmungen auf Veranstaltungen zu tun und wie sich diese Sicherheitsbestimmungen weiterentwickeln mit der Zeit: Warum darf ich als Rollstuhlfahrer oder Rollstuhlfahrerin nicht mehr im Bühnengraben, direkt vor der Bühne stehen? Das hat mittlerweile etwas damit zu tun, dass sich die Evakuierungsmaßnahmen verbessert haben und die Bedenken in diese Richtung einfach zu groß geworden sind.
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt