WFD 2017: Gehörlosen-Didaktik - 2. Teil

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Warum bilingualer Unterricht alleine nicht ausreicht
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Die Referentin Camilla Lindahl aus Schweden hat in ihrem Vortrag erklärt, wie das mit einem Ball aussieht, der elastisch ist. Es gibt die beiden Wörter für „Ball“ und „elastisch“, aber in der Gebärdensprache passt das nicht, wenn man einfach diese beiden Gebärden aneinander reiht.
Die Kinder haben das so gebärdet: Die Gebärde „Elastizität“ wird in die Gebärde für „Ball“ inkorporiert. Diese Gebärde zeigt, dass sich der Ball zusammendrücken lässt. Das ist das Beispiel, das Camilla Lindahl in ihrem Vortrag erklärt hat.

Nach der Erklärung zum kleinen elastischen Ball möchte ich nun ein anderes Beispiel zeigen. Wenn man das Mathematik-Buch aufschlägt, sieht man auf der linken Seite die Inhaltsangabe.
Vor einiger Zeit, im Jahr 2004, haben wir Gehörlose überlegt, wie man die Bücher in der Schule visueller gestalten kann. Die gehörlosen SchülerInnen sind visuell orientiert. Deshalb müssen die Bücher auch visuell gestaltet sein.

Wir gehörlose Experten haben uns Folgendes überlegt: Statt der Nummerierung von oben nach unten soll die Nummerierung der einzelnen Kapitel in Gebärdensprache wie Stufen gebärdet werden, das heißt, man beginnt unten mit Stufe 1 und arbeitet sich dann Schritt für Schritt nach oben.
Im geschriebenen Text im Buch ist das genau umgekehrt. Man liest von oben nach unten, während in der Gebärdensprache die Stufen von unten nach oben gebärdet werden.

Zu diesem Thema, dem visuellen Unterricht, möchte ich an dieser Stelle ein anderes Beispiel zeigen, und zwar einen Videoclip, der den Unterricht von gehörlosen SchülerInnen zeigt.

VIDEOCLIP

Im Videoclip, der aus der Gallaudet Universität stammt, wird das Pumpen des Herzens gezeigt. Nur anhand von Begriffen, wie z.B. Herz oder Herzschmerzen, wäre es für die gehörlosen SchülerInnen sehr schwierig den Inhalt zu begreifen. Daher wird der Unterricht visuell gestaltet und anhand eines Modells erklärt, wie das Herz funktioniert. Ergänzend werden die jeweiligen Begriffe vermittelt.
Auch für Hörende wäre diese Unterrichtsmethode vorteilhaft. Durch die visuelle Darstellung können auch sie die Lerninhalte viel schneller verstehen. Die Hörenden profitieren sozusagen auch von der Gebärdensprache.

Wie ich anfangs gesagt habe, arbeiten wir zu viert im Team zusammen. Die hörenden PädagogInnen in einer Schule für Gehörlose sind sehr froh über die enge Kooperation mit der Universität, die außerdem sehr nahe gelegen ist. Schule und Universität sind nur ca. 10 Autominuten voneinander entfernt. Dadurch ist eine sehr enge Zusammenarbeit möglich.

Die hörenden PädagogInnen möchten sich mehr mit Klassifikatoren in der Gebärdensprache befassen. Diese können in den Fächern Physik, Chemie, Biologie und vielen mehr angewendet werden. Für die Forschung haben wir ein Beispiel aus der Gehörlosenschule aufgegriffen, das ich jetzt gerne zeigen möchte.

Auf der Folie sehen Sie rechts den gehörlosen Lehrer und links den hörenden Lehrer. Darunter sind die SchülerInnen abgebildet. Bei diesem Test wurden Videos in Gebärdensprache gezeigt, die die SchülerInnen anschauen und anschließend wiedergeben mussten. Dabei sollten sie auch Klassifikatoren verwenden. Die LehrerInnen haben sich gar nicht eingemischt, sondern die SchülerInnen dazu ermutigt, ihre Vorschläge in Gebärdensprache wiederzugeben und diese zu filmen.

Im nächsten Schritt wurde das Videomaterial genauer untersucht und beurteilt, ob es qualitativ hochwertig war oder nicht. Die Filmaufnahmen wurden einzeln überprüft, um zu sehen, ob sie gut sind oder nicht. Danach wurden die Klassifikatoren untersucht und wie sie verwendet wurden. Wenn es bei der Verwendung Probleme gab oder sie nicht richtig verwendet wurden, dann wurde den SchülerInnen das gesagt.

Ein Beispiel ist „schlafen“ mit einem Klassifikator darzustellen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten das darzustellen, und es ist abhängig davon, wie jemand tatsächlich beim Schlafen liegt.

Dann übten wir den Einsatz von Klassifikatoren im Unterricht mit den SchülerInnen und anschließend machten wir einen Test. Wir prüften, ob die SchülerInnen die Klassifikatoren nun öfter verwendeten als vorher.

In der Statistik sieht man, dass die Anzahl der Fehler nach dem zweiten Test sehr viel geringer ist. Wenn man die Balken auf dem Diagramm vergleicht, dann sieht man den Unterschied von vorher zu nachher eindeutig. Wenn hörende und gehörlose PädagogInnen zusammen arbeiten, können die SchülerInnen im Allgemeinen besser abschneiden. Daher einen großen Dank an die Universität Aachen für ihre Zusammenarbeit.

Das heißt zusammenfassend:
1. Gehörlose Menschen, die gebärden können, haben eine andere Struktur Dinge wahrzunehmen als Menschen, die in Lautsprache denken.
2. Wird der Unterrichtsinhalt auch in Gebärdensprache vermittelt, besteht eine gute Möglichkeit, dadurch die Leistungen der Schüler zu verbessern.
3. Nur bilingualer Unterricht ist aber nicht ausreichend. Als zusätzliche Unterstützung können z.B. Filme und Bilder verwendet werden, was für gehörlose SchülerInnen sehr nützlich ist. Das ergänzt sich optimal und die Leistung der SchülerInnen wird so verbessert.
Danke!
(jr)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt