WFD 2017: Gehörlosen-Didaktik - 1. Teil

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Warum bilingualer Unterricht alleine nicht ausreicht
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Hallo und danke, dass ich heute hier sein und einen Vortrag zum Thema „Gehörlosen-Didaktik“ halten kann. Es geht darum, ob es ausreicht bilingual zu unterrichten. Deswegen bin ich heute hier.
Ich bin einer von vier MitarbeiterInnen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Unser Team setzt sich folgendermaßen zusammen: Eine Mitarbeiterin ist Klaudia, die Sie oben auf der Leinwand sehen, sie ist Psychologin. Der zweite Mitarbeiter bin ich; ich bin als Sozialpädagoge und tauber Dolmetscher tätig. Der dritte Mitarbeiter ist gehörlos und unterrichtet hörende Studierende an der Universität. Der vierte Mitarbeiter ist hörend und ist als Lehrer in einer Gehörlosenschule tätig.
Wir vier arbeiten in einem Team zu diesem Thema zusammen, und zwar an der Universität Aachen in Deutschland, die nahe an der Grenze zu Belgien und Holland ist.

Wie Sie wissen ist das beim Gebärden so: Ein Gehörloser erzählt bzw. erklärt etwas. Dabei wird alles in 3D dargestellt, die Gebärden werden lokalisiert, auch Nähe und Entfernung wird dargestellt. Manche Gebärden werden ganz nahe am Körper ausgeführt, während andere Schilderungen im Gebärdenraum vor dem Körper ausgeführt werden.
Bei den Hörenden ist es so, dass sie in Worten sprechen, da passiert alles nacheinander. Das ist ganz anders als wenn Gehörlose gebärden. Die Wahrnehmung ist bei beiden Kommunikationsformen ganz unterschiedlich.

Bei der Forschung legen wir den Fokus nicht so sehr auf die Linguistik, sondern eher auf das Verständnis, also wie die wahrgenommenen Inhalte im Gehirn verarbeitet werden. Wird etwas verstanden, wird es richtig verarbeitet. Wenn etwas nicht klar oder verständlich ist, kann es nicht richtig verarbeitet werden. Darum geht es in unserer Forschung.

Wie Sie auf der Leinwand sehen, werden hier verschiedene Wörter aufgelistet. Auf beiden Seiten sehen Sie vier Begriffe. Auf der einen Seite geht es um die gesprochene Sprache. Beim Vorlesen eines Buches wird z.B. das Bellen eines Hundes „Wau Wau“ bzw. das Miauen einer Katze nachgeahmt. Oder es wird eine Tür laut zugeknallt. Da stellt man sich das laute Krachen im Kopf vor. Bei Hörenden wird sich im Kopf eher eine akustische Vorstellung abspielen, z.B. wie sich das Bellen eines Hundes anhört. Das ist so bei der gesprochenen Sprache.
Auf der anderen Seite geht es um das Vorlesen in Gebärdensprache. Beim Wort Hund stellt man sich ein Bild von einem Hund mit wedelndem Schwanz vor oder ein Bild einer Katze, die sich leckt. Diese zwei Gruppen unterschiedlicher Wahrnehmung und Vorstellung gibt es.

Jetzt kommen wir zum nächsten Schritt. Spricht man z.B. von einer Blumenvase, so kann man unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie eine Vase ausschauen könnte, ob sie eine schöne kurvige Form hat oder gerade ist, auch abhängig vom eigenen Geschmack.

In Gebärdensprache wird meistens genau beschrieben, wie eine Vase aussieht, ob es sich zum Beispiel um eine kurvige Vase mit einer Blume handelt. Das wird präzise und bildhaft beschrieben. Die Gebärdensprache ist stark vom visuellen Bild geprägt.
Beim Wort Hund werden eine Schnauze, Ohren, Schwanz vom Hund dargestellt, so wie der Hund in der Realität aussieht. Die Wahrnehmung erfolgt nur über „ geistiges Abfotografieren“. Ein Hund kann ganz unterschiedlich aussehen, z.B. kann er herunterhängende oder abstehende Ohren haben.
Bei Hörenden wird das Wort Hund auditiv wahrgenommen und mit dem Bellen assoziiert, aber das Wort „Hund“ drückt nicht so klar aus wie der Hund in der Realität aussieht. Ein Fuchs zum Beispiel hat ähnliche Ohren wie eine Katze, macht aber nicht „miau“. In der Gebärdensprache wird der Hund bildhaft dargestellt, so dass klar ist, dass es sich um einen Hund handelt.
Bei gesprochenen Sprachen wird alles nacheinander gesagt, also ein Wort nach dem anderen. Bei Gebärdensprachen können verschiedene Komponenten miteinander verknüpft und parallel ausgedrückt werden. Man sieht einen Hund und gleichzeitig kann man dazu erklären, ob der Hund dick oder dünn ist, usw.
(jr)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt