WFD 2017: Bildung in Gebärdensprache als Menschenrecht? - 3. Teil

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Analyse und Interpretation von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention
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Maartje de Meulder: Im Jahr 2006 wurde die UN-Konvention ratifiziert. Vor einem Jahr, also im September 2016, veröffentlichte die UN einen general comment über Artikel 24. Kurz zur Erklärung, was ein general comment ist: In der Konvention sind viele Artikel enthalten, die genauer beschrieben und erklärt werden müssen. Über diese Stellen wird zuerst diskutiert und darüber gesprochen und anschließend wird ein general comment geschrieben. Der general comment muss nicht von allen Mitgliedern des Komitees unterschrieben werden, aber es zeigt die Meinung der Mehrheit auf. Es handelt sich um kein gesetzlich bindendes Dokument, es hat aber großen Einfluss. Das heißt, die Regierungen müssen den general comment nicht befolgen, aber sie fühlen sich trotzdem verpflichtet ihn einzuhalten.

Sobald ein general comment veröffentlicht wird, wird er den Regierungen der Mitgliedsländer weitergeleitet. Dort kann er zu Hilfe gezogen werden, wenn die Regierungen Themen behandeln, die in Verbindung mit der Konvention stehen. Jede Regierung kann also die Konvention und auch den general comment verwenden, um sich zu informieren.

Der general comment wurde also vorab von verschiedenen Organisationen, unter anderem WFD, EUD, EUDY, WFDYS, viel diskutiert und schließlich gaben sie ihre Meinungen darüber bei der Kommission der UNO ab. Sie hatten nämlich große Bedenken über den Entwurf. Sie meinten, dass die Meinungen in diesem Entwurf nicht mit der Meinung der Gehörlosen Community übereinstimmen.

Außerdem gibt es in dem comment eine Definition über „Inklusion“, die sich von unserer Definition darüber, wie wir volle inklusive Bildung wahrnehmen, unterscheidet. Während der Ausarbeitung der Konvention und bis zum Schreiben des comments, war immer klar, dass gehörlose, taube und taubblinde Menschen andere Bedürfnisse bezüglich inklusiver Bildung haben. Im gerneral comment aber, sind einige dieser Feinheiten verloren gegangen. „Inklusion“ wird nur auf den Raum bezogen, also darauf, dass sich alle in einer Schule befinden. Wir wissen aber, dass das mit gehörlosen Kindern nicht immer funktioniert. Es wäre vielleicht besser, dass diese Kinder eine Schule besuchen, die zwar weiter weg ist, aber ihren Bedürfnissen besser entspricht.

Außerdem geht es in dem comment darum, dass innerhalb der Schule auch nicht-behinderte Kinder sind. Doch hier gilt ebenso, dass wir der Meinung sind, dass gehörlose Kinder am besten mit anderen Kindern zusammen sind, die auch die Gebärdensprache verwenden. Darüber hinaus werden im general comment Themen wie sprachlicher- und kultureller Zugang überhaupt nicht erwähnt.

Abschließend würden wir gerne unsere Meinung zu Artikel 24 mit euch teilen. In Artikel 24.3 Abschnitt B und C geht es um gehörlose Kinder und durch den general comment entstanden

verschiedene Meinungen zu diesem Artikel. Das Schulsystem muss verändert werden. Das bedeutet aber nicht, dass Sonderschulen abgeschafft und durch Regelschulen ersetzt werden sollen.

Es gibt nämlich viele verschiedene Möglichkeiten und Modelle der inklusiven Bildung. Es könnten zum Beispiel gehörlose und hörende Kinder in einer Klasse unterrichtet werden oder es könnte in Gebärdensprache unterrichtet werden. Es gibt kein Modell, das immer und überall angewendet werden kann. Und wir sind der Meinung, dass gehörlose Kinder Zugang zu inklusiver Bildung in Gebärdensprache haben sollen. Es ist wichtig, dass auch die Regierungen wissen, dass es diese verschiedenen Möglichkeiten gibt.

Noch eine Sache, die uns aufregt: Während der Entwicklung der Konvention und in der Konvention selbst kommt das Wort „Segregation" nicht vor. Es wird aber im general comment verwendet. Dieses Wort ist diskriminierend. WFD und EUD sind aber auf keinen Fall für Diskriminierung und Segregation! Segregation war niemals unser Ziel; das ist eine ganz andere Ideologie. Wir befürworten bilinguale Schulen, die es in einem inklusiven Schulsystem geben kann. Es ist wichtig, dass auch die Regierungen das verstehen! Es geht uns nicht um Segregation, sondern um Inklusion und Bilingualismus!

Wenn wir Artikel 24.3 und den general comment interpretieren, müssen wir uns bewusst sein, dass es nicht nur eine Definition für inklusive Bildung gibt.

Vielen Dank!
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt