WFD 2017: Bildung in Gebärdensprache als Menschenrecht? - 2. Teil

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Analyse und Interpretation von Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention
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Joseph Murray: Wir werden uns jetzt mit Artikel 24 beschäftigen und seiner Interpretation bezüglich Bildung.

Zahlreiche Diskussionen, Debatten und Forschungen fanden statt, bis die Konvention schlussendlich anerkannt wurde. Es ist interessant, welche Meinungen Regierungen zu der Konvention hatten und welche Debatten stattfanden, die schließlich zu dem Ergebnis, dem Artikel 24, führten. Wenn wir zurückblicken dann ist es interessant zu wissen, ob die Regierungen den Prozess unterstützten oder nicht. Was stark diskutiert wurde, war der Bereich Bildung. Denn dazu gibt es viele verschiedene Perspektiven.

In den ADHOC-Versammlungen, die acht Mal in New York stattfanden, war der WFD jedes Mal durch zwei oder drei Mitglieder vertreten und bei den Diskussionen und der Erstellung von Artikel 24 dabei. Letztendlich wurde die überarbeitete Konvention mit Stolz vorgelegt. Nachdem der Artikel 24 veröffentlicht wurde, war klar, dass alle Menschen mit Behinderung Zugang zu Bildung haben sollen, egal welche Behinderung sie haben. Das gilt auch für gehörlose Menschen!

Doch gibt es unterschiedliche Bedürfnisse von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, um ihnen Zugang zu Bildung zu gewährleisten. So haben Menschen, die taub, blind oder taubblind sind, unterschiedliche Bedürfnisse. Das wurde in der Konvention festgehalten. Damit ist aber nicht gemeint, dass sich ein Gehörloser allein unter Hörenden befinden soll, sondern, dass er in einer Gruppe mit anderen, die die gleichen Bedürfnisse haben, zusammen ist. Das steht deutlich in diesem Absatz der Konvention.

Wie erwähnt gab es vor der Entstehung der Konventionen ADHOC-Versammlungen in New York. Doch bereits vor diesen Versammlungen gab es Treffen, bei denen die Konventionen diskutiert wurden. Ich möchte darüber jetzt gerne genauer berichten, wie das damals abgelaufen ist.

Schon vor der Ratifizierung der UN-Konvention gab es immer wieder Diskussionen und Dokumente, die sich auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen bezogen, beispielsweise auch das Recht auf Zugang zu Bildung. Ein Beispiel sind die UN-Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderung. Darin wird auch der Begriff „Bildung“ erwähnt. Außerdem ist eines der erwähnten Ziele darin inklusive Pädagogik und, dass gehörlose Menschen das Recht auf Bildung in Gebärdensprache haben. Also in mehreren Dokumenten werden diese Begriffe erwähnt. Und auch während der ADHOC Versammlungen wurden diese diskutiert. Auch bei der dritten Versammlung wurde das Thema Bildung besprochen. Es kam zur Diskussion, ob gehörlose und behinderte Menschen im Allgemeinen besser Sonderschulen oder Integrationsschulen besuchen sollten. Man war aber der Meinung, dass diese Menschen das Recht haben sollten, selbst zu entscheiden, welchen Bildungsweg sie einschlagen möchten.

Verschiedene Regierungen, diverse NGOs für Menschen mit Behinderung und andere Organisationen, beschäftigten sich ebenfalls mit diesem Thema. Und viele von ihnen wollten die Sonderschulen komplett abschaffen und plädierten für die Integrationsschule. Zu diesem Thema fanden noch weitere Sitzungen statt und schließlich, bei der 6. Sitzung, gab der WFD ein kategorisches Statement ab und sagte, dass gehörlose Menschen nicht zwingenderweise eine Sonderbehandlung haben möchten oder brauchen.

Der WFD betonte, dass ein zweisprachiger (bilingualer) Zugang zu Bildung die beste Lösung für gehörlose Menschen wäre. Der WFD sagte, dass Bilingualismus der Schlüssel zum Erfolg ist, und, dass gehörlose Menschen das Recht auf bilingualen Unterricht haben sollen, aber kein extra Bildungssystem brauch. Bei der 6. Sitzung einigte man sich dann drauf, dass ein integrativer Ansatz am besten und wichtigsten wäre. Beide Modelle anzubieten war also keine Option mehr.

Außerdem erkannte man an, dass unterschiedliche Gruppen, wie Gehörlose, Taubblinde und Blinde, unterschiedliche Bedürfnisse haben, um an inklusivem Unterricht teilhaben zu können. Gehörlose, Blinde, Taubblinde haben ein Recht darauf, in ihrer eigenen Community, in einer Sprache ihrer Wahl, vollen Zugang zu kognitiver und emotionaler Bildung und Information zu haben. Das war das Ergebnis der vorangegangenen Diskussionen. Keine einzige Regierung lehnte dieses Statement ab, weshalb es dann auch zu Artikel 24 hinzugefügt, und schließlich auch anerkannt wurde.
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt