Interview mit Joseph Murray

Loading the player ...
Deaf Gain
+ - Textgröße ändern
Text drucken
Joseph Murray - Deaf Gain

Lydia:
Danke, dass du hergekommen bist. Du hast ja einen Vortrag zum Thema Deaf Gain gehalten.
Kannst du den Begriff Deaf Gain vielleicht definieren und erklären was er für die Gehörlosengemeinschaft bedeutet?

Joseph Murray
Ja, gerne. Deaf Gain entstand, als ich und ein Dekan uns an der Gallaudet Universität gemeinsam mit diesem Thema beschäftigten. In der bisherigen Forschungen ging es schon um Gehörlosenkultur, Gebärdensprachforschung und alles, was Gehörlose betrifft. Wir wissen, dass es sie gibt. Und wir wissen auch, dass wir nicht minderwertiger als Hörende sind. Wir sind ihnen gleichgestellt und können auch Dinge erreichen. Um zu beweisen, dass wir gleichwertig sind, müssen wir jedoch immer wieder argumentieren und trotzdem reicht das oft nicht. Dann überlege ich mir, warum das so ist.
Ich schaue mir genau an, was eigentlich das Positive an Gehörlosigkeit im Gegensatz zu Hörverlust ist. Viele konzentrieren sich nur auf den Hörverlust, auf diesen einen speziellen Bereich. Aber uns geht es mehr darum, wie Gehörlose im Alltag leben. Wir möchten das Positive daran sehen. Wir können gehörlosen Menschen dankbar sein für die Dinge, die sie erreicht haben. Das gehört zu Deaf Gain.
Eine Person, die spätertaubt und Künstler ist, kam zur Gallaudet Universität und erzählte, dass sie allmählich einen Hörverlust erleidet und deshalb immer wieder zu Ärzten geht. Die Ärzte hatten Mitleid mit dieser Person, weil ein Hörverlust festgestellt wurde und sie empfahlen Hörgeräte zu tragen. Ärzte sind nur auf dieses Thema fixiert. Dann stieß die Person eines Tages auf Gehörlose und Gebärdensprache und war begeistert. Da wunderte sich die Person, warum alle Ärzte nach der Diagnose des Hörverlusts nichts darüber erzählt hatten - also dass das auch positiver sein kann und man Deaf Gain bekommt. Genau das ist der Punkt. Also aus dem „to gain the deafness“ entsteht der Begriff „Deaf Gain“.
(In anderen Worten heißt Deaf Gain auch „ich HABE Gehörlosigkeit“ und, dass Gehörlosigkeit ein Gewinn ist.)

Lydia
Das ist schön. Es ist wichtig, dass Gehörlosigkeit im Alltag auch positiv sein kann.
Der Begriff Deaf Gain, was gehört da alles dazu? Kannst du ihn für uns erklären?

Joseph Murray
Deaf Gain soll grundsätzlich unsere Einstellung dazu, wie wir gehörlose Menschen sehen und wie die Welt gehörlose Menschen als Behinderte sieht, ändern. Es gibt zwar viele Menschen mit der gleichen Behinderung, aber die Menschen an sich sind unterschiedlich. Jeder Mensch ist anders – denkt anders, sieht anders. Auch gehörlose Menschen sind unterschiedlich.
Die Welt müsste akzeptieren, dass wir verschieden sind. Behinderte sind nicht alle so oder so. Dann gibt es auch keine Vorurteile mehr.
Wir Gehörlose haben eine andere Perspektive als andere. Wir sind stark visuell ausgeprägt. Die Gebärdensprache zeigt wie unterschiedlich wir denken. Im Bereich „Behinderung“ ist es aber üblich das als problematisch zu sehen. Warum kann das nicht positiv aufgefasst werden?
Der Unterschied ist wie bei anderen Hautfarben, die werden auch akzeptiert. Das ist auch bei Gehörlosigkeit so. Es gehört dazu anders zu sein. Die Perspektive muss verändert werden. Gehörlose sind visuell stark ausgeprägt und die Gebärdensprache wirkt sich positiv aus. Übrigens gibt es sogar hörende Kinder, die Gebärden erlernt haben und dadurch besser lesen als Hörende, die nicht gebärden können. Das klingt paradox (er lacht) aber es gibt viele Vorteile. Das ist der wichtige Punkt, denn Deaf Gain hat dann Einfluss auf die Veränderung der Perspektive von Hörenden gegenüber Gehörlosen - es sind einfach Menschen, die anders sind.
Wir Gehörlose sind visuell orientiert, haben die Gebärdensprache und noch Vieles mehr. Deaf Gain hat auch einen positiven Einfluss auf Gehörlose.

Lydia
Danke. Du hast gesagt, Gehörlose sind stolz auf die Gehörlosigkeit und sehen das positiv, dazu gibt es Argumente.
Es gibt Eltern, die gehörlose Kinder haben und am Anfang nicht wissen, was nach der Diagnose einer Hörbehinderung zu tun ist. Ärzte meinten, es sei besser, bei Hörbehinderung nicht zu gebärden, sondern eher ein Hörgerät oder ein Cochlea Implantat einzusetzen.
Erst wenn diese Möglichkeiten für das Kind nicht funktionieren, dann erst soll es auch Gebärdensprache lernen. Wie kann man das durchbrechen? Kann man diesen Menschen ein positives Argument FÜR Gebärdensprache geben?

Joseph Murray
Es gibt dafür unterschiedliche Argumente für unterschiedliche Situationen. Ein ganz klares Argument dafür ist zum Beispiel, dass ein gehörloses Kind Gebärdensprache braucht, um sich auszudrücken und darauf hat es ein Recht. Ein Hörgerät/CI allein reicht nicht. Eine Studie ergab, dass sich ein Kind mit einem Hörgerät/CI UND Gebärdensprache zusammen sehr schnell entwickelt. Wenn es nur ein Hörgerät/CI bekommt und keine Gebärdensprache, dann wird es sich nicht so schnell entwickeln. Wie aus der linguistischen Forschung hervorgeht ist die sprachliche Entwicklung dann enorm.
Aber auf der anderen Seite gibt es Argumente bezüglich der Identität - wo man dazugehört. Es ist klar, dass ein Mensch seine Identität erst bilden muss. Dann kann er sich problemlos und wie er möchte zwischen der hörenden und der gehörlosen Welten hin und her bewegen.
Ein anderes Argument von Deaf Gain ist noch, dass Gebärdensprachen für alle Menschen positiv sind. Alle Menschen werden dadurch in ihrer visuellen Wahrnehmung gestärkt. Die kognitive Entwicklung profitiert davon und es gibt auch noch andere Vorteile.
Das passiert nicht nur in der Schule, sondern auch durch die Gebärdensprache selbst, die im Gehirn positiv aktiviert ist. Dann bleibtdie Frage, warum man seine Kinder nicht von Deaf Gain profitieren lassen möchte, wenn das wirklich bereichernd ist. Das betrifft nicht nur gehörlose sondern auch hörende Kinder. Es hat für alle Kinder Vorteile, wenn sie Gebärdensprache erlernen.

Lydia
Ja, das ist ein gutes Argument, das müsste man weitersagen!
Für unsere Zuseher und Zuseherinnen, die jetzt vielleicht Lust haben eine Ausbildung an einer Universität zu machen, was kannst du ihnen sagen?
5:41 Joseph Murray
Ja, als ich diesbezüglich zum ersten Mal kämpfen musste, war das zu der Zeit, als ich in der Universität angemeldet war. Dort erlebte ich einige Barrieren und schloss mich an eine Gruppe anderer Betroffener an, um gemeinsam zu kämpfen. Nur so können wir es schaffen, diese Barrieren zu überwinden. Wir müssen kämpfen um unsere Ziele zu erreichen.
Und dann wird es Zeit, die Erfahrungen, die wir gesammelt haben weiterzugeben und ein Netzwerk aufzubauen. Es gibt immer wieder irgendwo Hindernisse, dort sollte man dann Deaf Gain nützen, um diese Barrieren zu überwinden und weiter zu kommen. Du kannst es! Die Universität kann euer Leben durch ein Studium sehr bereichern.

Lydia
Danke! Und zum Schluss vielleicht noch eine andere Sache. Du hast ein Buch geschrieben. Wo kann man das bestellen, wenn man noch mehr über Deaf Gain lesen möchte?

Joseph Murray
Das gibt es zum Beispiel auf amazon. Dort kann man es weltweit kaufen.
Und auf der Deaf Gain Facebook-Seite gibt es eine Gruppendiskussion, wo sich Menschen aus der ganzen Welt darüber austauschen können.

Lydia
Danke! Also das Buch kann man dort kaufen.
Danke dir, dass du gekommen bist.

Joseph Murray
Danke, dass ich eingeladen wurde! Und Gratulation zum 15. Jubiläum von VÖGS!
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt