3. Teil der Sendung "Barrierefrei aufgerollt" mit Isabella Rausch

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CODA steht für Children of Deaf Adults
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Heute kommen wir zum 3. Teil der Sendung "Barrierefrei aufgerollt", heute mit Isabella Rausch. Isabella Rausch arbeitet als freiberufliche Dolmetscherin für Österreichische Gebärdensprache und ist Kind gehörloser Eltern (CODA).

Katharina Müllebner: CODA ist die Abkürzung für "Children of deaf adults", zu Deutsch Kinder gehörloser Eltern. Isabella Rausch ist so ein CODA. Außerdem arbeitet sie als freiberufliche Dolmetscherin für Österreichische Gebärdensprache, Deutsch und International Sign. Sie erzählt, wie es ist als CODA aufzuwachsen.

Katharina Müllebner: Sind CODA immer hörend?

Isabella Rausch: Der Begriff kommt ja aus Amerika und die Person, die den Begriff geprägt hat, kommt aus der Musikwissenschaft. Und CODA steht für eine Abwandlung und Abweichung im musikalischen Zusammenhang und insofern meint man nicht gehörlose Kinder, die gehörlose Eltern haben, sondern wirklich immer hörende Kinder. Also als Abwandlung, was einen gehörlosen Menschen ausmacht, weil die Personen mit den Werten und der Kultur der Gehörlosen-Gemeinschaft aufwachsen, aber nicht selbst gehörlos sind. Jetzt ist es so, dass dieses Hörvermögen vielleicht nicht das Wichtigste ist, aber es ist doch das ausschlaggebende Merkmal, um sich zur Gehörlosen-Gemeinschaft zugehörig zu fühlen.

Katharina Müllebner: Sind CODA die billigeren Dolmetscher?

Isabella Rausch: Die Frage, ob Kinder, die gehörlose Eltern haben, billiger sind - sie kosten gar nichts. Das heißt, in Wahrheit kümmert sich der Staat nicht darum, dass gehörlosen Menschen Barrierefreiheit gewährleistet wird, sondern überträgt diese Verantwortung einfach den Kindern. Ich finde Kinderarbeit ist etwas, das in Österreich sowieso nicht erlaubt ist, zum einen, zum anderen kann ein Kind, was Thematiken betrifft wie Mietvertrag unterfertigen oder Bankgeschäfte erledigen, die Tragweite der gesprochenen Worte oft nicht verstehen.
Ich denke mal, kritische Situationen, wo es um eine Krebsdiagnose geht, um Haus verlieren oder nicht Haus verlieren, um einen Arbeitsplatz zu behalten oder zu verlieren. Da geht es wirklich um lebensentscheidende Themen. Da sind Kinder in ihrer Rolle überfordert, weil sie ja zum einen abhängig sind von ihren Eltern und zum anderen auch den Eltern helfen wollen. Das heißt, dieser Konflikt ist etwas, der tiefe psychologische Spuren hinterlässt. Kinder, die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen müssen, haben früher oder später das Problem, dass sie sich mit dieser Überforderung auseinandersetzen müssen.

Katharina Müllebner: Wie hat Sie die Gehörlosigkeit Ihrer Eltern in Ihrer Entwicklung beeinflusst?

Isabella Rausch: Also die Gehörlosigkeit meiner Eltern war mir in jüngeren Jahren nicht bewusst. Es waren meine Eltern und ich habe nicht darüber nachgedacht, ob sie gehörlos sind oder nicht. Ich habe auch den Unterschied zwischen gehörlosen und nicht-gehörlosen Menschen nicht verstanden. Mit dem Eintritt in die Schule ist es mir dann klargeworden, dass das was ich zu Hause erlebe, eine Seltenheit ist und dass die meisten Kinder in meiner Schule, also ich war die einzige, hörende Eltern haben. Das heißt, ich kannte es gar nicht, wie es ist, mit hörenden Eltern zu leben.
Die Gehörlosigkeit per se war für mich weniger das Problem würde ich sagen, sondern wie die Menschen damit umgegangen sind. Das heißt, innerhalb meiner Familie waren meine Eltern beide die einzigen gehörlosen Menschen. Alle anderen Verwandten sind hörende Menschen und im Umgang mit meinen gehörlosen Eltern habe ich beobachtet, wieviel nicht funktioniert. Das heißt, die Gehörlosigkeit selbst war nicht das Problem, sondern wie die Menschen/das Umfeld mit meinen Eltern und der Gehörlosigkeit meiner Eltern umgegangen sind.

Nächstes Mal zeigen wir euch das Interview mit Sabine Zeller. Sie arbeitet als Dolmetscherin und gibt einen Einblick zum Thema Gebärdensprach-Dolmetschen in Österreich.
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt