2. Teil der Sendung "Barrierefrei aufgerollt" mit Lydia Fenkart

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Heute als Gast: Lydia Fenkart
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Heute kommen wir zum 2. Teil der Sendung "Barrierefrei aufgerollt" mit Lydia Fenkart. Lydia Fenkart, arbeitet als Lehrerin für österreichische Gebärdensprache, ist Mitarbeiterin des Projekts Gestu und des österreichischen Gehörlosenbundes und engagiert sich für die Plattform "Integration und Gebärdensprache". Sie ist selbst gehörlos.

Katharina Müllebner: Gehörlose Menschen werden durch die Gebärdensprache auch zu einer sprachlichen Minderheit. Gebärdensprache ist Teil ihrer kulturellen Identität. Aber wie sieht sie eigentlich aus, diese Gehörlosenkultur? Und wo findet man die Gebärdensprachgemeinschaft hier in Österreich? Diese und andere Fragen beantwortet uns Lydia Fenkart. Sie ist Lehrerin in Wien und selbst gehörlos. Sie gibt uns ihre Antworten in Österreichischer Gebärdensprache. Die Dolmetscherin Elke Schaumberger spricht ihre Antworten ein.
Wie ist es, als gehörloser Mensch in einer hauptsächlich lautsprachigen Welt zu leben?

Lydia Fenkart: Vielleicht muss ich zunächst einmal dazu sagen, dass ich in einer gehörlosen Familie in dritter Generation groß geworden bin. Das heißt, auch meine Großeltern sind gebärdensprachig. Meine Eltern auch. In der Schule, in der Freizeit und so weiter hatte ich natürlich auch immer wieder den Kontakt zur hörenden Welt und bin zwischen den Welten gewechselt. Das heißt, schon als Kind hatte ich eigentlich keine großen sprachlichen Barrieren erlebt, weil ich mit meinen Eltern und Großeltern in Gebärdensprache kommunizieren konnte. Natürlich wusste ich sehr schnell, dass ich im Kontakt mit Hörenden, das haben mir aber auch meine Eltern immer wieder gesagt, schon auch Barrieren habe in der Kommunikation, weil die eben nicht gebärdensprachig sind.
Die erste wahre Barriere habe ich im Studium erlebt. Ich wollte Jus studieren und habe gemerkt, dass ich an ganz viele Grenzen stoße. Mir wurde gesagt, ich könnte nicht Jus studieren, weil wir leider keine Gebärdensprach-Dolmetscher haben und ich habe mich dann erkundigt und gemerkt, dass mir da sehr viele Steine in den Weg gelegt werden. Es war zwar einerseits eine positive Erfahrung, einmal das Studium zu beginnen, auf der anderen Seite war es eigentlich dann eine sehr negative Erfahrung, weil ich das Gefühl gehabt habe, ich werde hier gar nicht als vollwertiger Mensch wahrgenommen und mir werden sozusagen die Rahmenbedingungen nicht gegeben.

Katharina Müllebner: Welche politischen Ziele hat die Gehörlosen-Gemeinschaft?

Lydia Fenkart: Die politischen Ziele der Gehörlosen-Community sind zunächst einmal die Anerkennung der österreichischen Gebärdensprache und zwar in ihrem vollen Umfang. Sodass es im Alltag auch wirklich zu spüren ist. Bislang haben wir die Anerkennung lediglich auf dem Papier. Das heißt, die österreichische Gebärdensprache ist in der Verfassung anerkannt, aber die gesetzliche Umsetzung fehlt. Das heißt, wir erleben im Alltag viele Barrieren, zum Beispiel in der Bildung. Bilinguale Klassen zum Beispiel fehlen. Wir haben so immer diese zwei Welten. Die Gehörlosenwelt und die hörende Welt. Wir haben die Welten mit zwei ganz unterschiedlichen Sprachen, unterschiedlichen Kulturen und wir haben sie verinnerlicht oder sollen sie verinnerlichen, aber wo ist das Angebot dazu? Wie soll ein Kind eine starke Persönlichkeit bekommen und wirklich resilient sein, wenn es kaum bilinguales Angebot gibt. Das heißt, das ist das Allerwichtigste, dass dieser Punkt einmal umgesetzt wird. Dieser Punkt würde alles verändern.

Nächstes Mal zeigen wir euch das Interview mit Isabella Rausch. Sie arbeitet als Dolmetscherin und ist CODA (=Children of Deaf Adults) und gibt einen Einblick zum Thema CODA und deren Situation.
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt