Barrierefrei aufgerollt "Gebärdensprachen - Sprachkultur und Inklusion" Teil 1 mit Barbara Schuster

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Heute zeigen wir euch Auszüge aus der Radio Sendung "Barrierefrei aufgerollt". Die Gäste sind Barbara Schuster, Lydia Fenkart, Isabella Rausch und Sabine Zeller. Wir werden pro Interview Partner einen Bericht auf Gebaerdenwelt.tv senden. Alle Informationen zu dieser Sendung findet man auf der Internetseite
https://www.barrierefrei-aufgerollt.at/sendung-7-gebaerdensprachen-sprachkultur-und-inklusion/
Diese Sendereihe ist auf Radio ORANGE 94.0 zu hören.
Redaktion: Martin Ladstätter und Katharina Müllebner
Technik: Markus Ladstätter
Katharina Müllebner: Herzlich Willkommen zu der heutigen Sendung von "barrierefrei aufgerollt“ von BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.
Mein Name ist Katharina Müllebner.
Unsere heutige Sendung hat den Titel "Gebärdensprachen, Sprachkultur und Inklusion".
Gebärdensprachen sind Sprachen, die man sieht. Das heißt man drückt sich durch Gestik, Mimik und Körperhaltung aus. Weltweit sprechen derzeit 7 Millionen Menschen eine der Gebärdensprachen als Muttersprache. Was viele nicht wissen, ist die Tatsache, dass es nicht nur eine Gebärdensprache gibt. Es gibt nicht nur verschiedene landesspezifische Gebärdensprachen, sondern auch verschiedene regionale Dialekte. In Österreich ist die Gebärdensprache seit 2005 als Sprache anerkannt. Die Österreichische Gebärdensprache wird auch als ÖGS abgekürzt. In der heutigen Sendung geben wir einen Einblick in die Welt der Gebärdensprache und der Gehörlosen-Gemeinschaft.

Barbara Schuster unterrichtet Österreichische Gebärdensprache und ist gehörlos. Für dieses Radiointerview brauchten wir einen Dolmetscher. Für das Radiointerview haben wir Frau Schuster auf Video aufgenommen. Auf dem Video spricht sie Gebärdensprache. Unsere Mitarbeiterin Joana Fiala spricht für das Radio ihre Antworten nach.
Katharina Müllebner: Warum sind Gebärdensprachen so wichtig?
Barbara Schuster: Sie sind deshalb wichtig für gehörlose Menschen, weil es die Erstsprachen sind und sie brauchen Zugang dazu von Kindesbeinen an. Es ist so, dass die Gebärdensprachen eigene Aufbauten und Strukturen haben und um neuronale Hirnverbindungen aufbauen und entwickeln zu können, brauchen Kinder Zugang zu Gebärdensprachen. Gebärdensprachen sitzen im Hirn an der gleichen Stelle wie gesprochene Sprachen und die müssen auch gefördert und kultiviert werden – für Kinder, die hören können.
Wenn sich also Gebärdensprachen entfalten und gut entwickeln, können später andere Sprachen wie zum Beispiel Deutsch oder Englisch erlernt werden von gehörlosen Menschen und deswegen ist es ganz wichtig, dass man die Eigenständigkeit der Gebärdensprache anerkennt.
Katharina Müllebner: Ist die Gebärdensprache in Österreich gut genug anerkannt?
Barbara Schuster: In Österreich wurde die Gebärdensprache 2005 anerkannt, dennoch hat sich in diesen zwölf Jahren, die vergangen sind, nicht sehr viel geändert, einige Dinge wohl, wie zum Beispiel, dass Gebärdensprachen ins Bewusstsein der Menschen gelangt ist. Allerdings im schulischen Bereich wird Gebärdensprache nach wie vor als wenig wichtig für gehörlose Kinder angesehen. Sie brauchen allerdings Zugang zu ihrer Erstsprache, Zugang in gebärdensprachlichen Unterricht und die Anerkennung dieses Rechts ist bis jetzt nicht spürbar. Da ist noch viel zu tun und es dürfte noch ein harter Kampf in Zukunft werden.
Katharina Müllebner: Gibt es genügende Gebärdensprachdolmetscher in Österreich?
Barbara Schuster: Meinem Eindruck nach sind es nach wie vor zu wenige. Wenn ich eine Dolmetscherin beauftragen möchte, muss ich darauf achten, ob sie Zeit hat oder verfügbar ist. Viele sind ausgebucht und mein Eindruck ist der, dass wir einen Dolmetsch-Mangel in Österreich haben und wir mehr Dolmetscherinnen brauchen. Aus der Sicht, dass wir mehr Dolmetscherinnen brauchen, lässt sich sagen, dass wir eigentlich mehr Gebärdensprach-Lehrende brauchen, die dann in Zukunft Dolmetscherinnen ausbilden. Natürlich braucht es viele Dolmetscherinnen, das ist klar, aber es braucht eben auch Gebärdensprach-Lehrende.
Katharina Müllebner: Wird Gebärdensprach-Dolmetschung in Österreich ausreichend finanziert?
Barbara Schuster: Meiner Meinung nach gibt es Unterschiede beim Bedarf. Gehörlose Personen, die am Arbeitsplatz hohen Bedarf haben, Dolmetsch-Leistungen zu bekommen, dort finde ich das Angebot vom Sozialministerium-Service in Ordnung. Im privaten Bereich allerdings ist das davon abhängig, wie die Familiensituation ist. Gibt es gehörlose Eltern, die drei Kinder haben zum Beispiel sind es drei Elternabende für jedes Kind einmal, wo es zu Besprechungen kommt. Mit drei Kindern zum Arzt gehen heißt, dass man dreifachen Bedarf hat und für diese Familien sollte mehr Budget zur Verfügung gestellt werden und in dem Fall wäre das Budget zu gering. Deswegen ist meiner Meinung notwendig, dass die Budgets individuell vergeben werden.
Der Bedarf sollte an die Bedürfnisse der Personen angepasst werden und das Budget individuell genehmigt werden. Das fehlt. Als dritten Bereich würde ich die Bildung erwähnen, Studium, Weiterbildungen und da haben wir ein riesengroßes Problem, was die Finanzierung betrifft.
Nächstes Mal zeigen wir euch das Interview mit Lydia Fenkart. Sie ist selbst gehörlos und gibt einen Einblick in die politischen Themen der Gehörlosencommunity.
(ep)
Foto: Gebärdenwelt/barrierefrei aufgerollt
Video: Gebärdenwelt