WFD Konferenz Budapest: Teil 1

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Akira Morita stellt sein Projekt in Japan vor
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"Bilinguale Bildung für Gehörlose, um eine Veränderung zu bewirken: Entscheidender Faktor für einen Wandel in der gegenwärtig schwindenden Gehörlosengemeinschaft"

Guten Tag! Mein Name ist Akira. (Er zeigt seinen Gebärdennamen). Ich komme aus Tokio in Japan. Ich kann zwar nicht perfekt in International Sign gebärden, aber ich werde mein Bestes geben.
Ich bin als Lehrer und Direktor in der Meisei Gakuen Schule für gehörlose Kinder in Tokio tätig. Die Schule ist die bilinguale Bildungseinrichtung.

In der heutigen Zeit verkleinert sich die Gehörlosengemeinschaft in Japan allmählich. Um dem entgegenzusteuern ist es wichtig, dass wir die Gehörlosengemeinschaft gerade im Bildungsbereich bestärken.

In meiner Präsentation werde ich über diese Themen sprechen (zeigt auf seine Präsentation).

Ich werde jetzt kurz auf die Geschichte der Bildung von gehörlosen Menschen in Japan eingehen.
Vor langer, langer Zeit gab es in Edo (das ist der alte Name der japanischen Hauptstadt Tokio) viele Samurai, kennen Sie die Schwertkämpfer? Heute gibt es sie natürlich nicht mehr. Damals war es so, dass ihre Söhne zur Schule gehen durften, aber die Töchter nicht. Bauernkinder, arme Kinder, egal ob Buben oder Mädchen, haben damals keine Ausbildung bekommen. Ausbildung war ein Privileg der Samurai-Söhne. Sie besuchten eine Tempelschule.
Die Schule war so, wie Sie sich vermutlich eine Tempelschule vorstellen: mit Kerzenlicht, Räucherstäbchen, goldenen Buddha-Statuen und Gong-Klängen. Von den Mönchen wurden die Kinder in Zeichnen, Kalligraphie und Mathematik unterrichtet. Unter den SchülerInnen waren auch gehörlose Kinder, die aber nicht tagtäglich in der Schule waren, sondern nur sporadisch kamen. Die Kinder benützten ihre eigenen Hausgebärden, die sich von den Gebärden, die in der Schule verwendet wurden, unterschieden. Die Kommunikation mit den anderen gehörlosen SchülerInnen verlief daher holprig. Wenn Gebärdensprache nicht ständig verwendet wird, dann gerät sie schnell in Vergessenheit.

Damit sich eine Gebärdensprache entwickeln und festigen kann, braucht es tägliche Interaktion. Die erste Gehörlosenschule wurde in Tokio gegründet. Dort wurde Gebärdensprache verwendet und daraus hat sich eine starke Gehörlosengemeinschaft entwickelt.

1933 wurde für den Bildungsbereich in Japan angeordnet, dass die Gebärdensprache in den Schulen nicht verwendet werden darf. Das Lippenlesen sei besser. Die gehörlosen LehrerInnen und die hörenden LehrerInnen, die gebärdensprachkompetent waren, mussten die Schule verlassen. Stattdessen wurden hörende LehrerInnen eingesetzt. Die Gebärdensprache war verboten und die SchülerInnen wurden gezwungen zu sprechen. Im Umgang untereinander haben sie weiterhin gebärdet. Sie sprachen nur, wenn sie mit LehrerInnen kommunizierten. Untereinander kommunizierten die Kinder trotzdem in Gebärdensprache. So konnte sich die Gebärdensprache auch festigen.

In der heutigen Zeit werden immer mehr Gehörlosenschulen geschlossen. Es gibt immer mehr SchülerInnen, die ein CI tragen, und diese Kinder werden in verschiedene Integrationsschulen gesteckt. Die Gebärdensprachgemeinschaft fällt so langsam auseinander. Ein gehörloses Kind ist dann von mehreren hörenden SchülerInnen umgegeben. So gibt es keine Möglichkeit zu gebärden. Es besteht die Gefahr, dass die Gebärdensprache ganz ausstirbt. Japanische Gebärdensprache verschwindet gemeinsam mit der Gehörlosengemeinschaft und der Gehörlosen-Identität. Das ist eine große Gefahr für die Gehörlosengemeinschaft. Das hat uns in unserer Schule die nötige Motivation gegeben, um etwas auf die Beine zu stellen.

1999 hat sich eine kleine Gruppe von uns dazu entschieden, dass wir nicht die orale Methode anwenden wollen und wir haben uns dazu entschieden, eine freie Schule zu gründen, in der die japanische Gebärdensprache benutzt wird. Wir haben uns einmal im Monat getroffen, um zu besprechen, das ist wirklich gut gelaufen.
Die Eltern und die Kinder waren glücklich. Die gehörlosen PädagogInnen appellierten an die Behörden, damit Gebärdensprache im Unterricht eingesetzt werden kann. Doch sie wurden abgelehnt. Wir haben uns an das Bildungsministerium gewandt, doch auch dort wurden wir abgelehnt. Auch die Regierung lehnte das Ansuchen ab.

Wir hatten mit sehr viel Ablehnung zu kämpfen, bis wir es im Jahr 2008 endlich schafften eine Gehörlosenschule, eine private Schule, zu gründen. Das ist eine bilinguale Schule für gehörlose Kinder. Alle in meiner Schule sind gebärdensprachkompetent, egal ob sie hörend oder gehörlos sind. Die gehörlosen LehrerInnen können etwas besser gebärden als die hörenden, aber alle kommunizieren in Gebärdensprache.

Gehörlose PädagogInnen haben das Niveau L1 bei Gebärdensprache, hörende PädagogInnen haben das Niveau L1 in japanischer Schriftsprache. Das ergänzt sich gut. Außerdem gibt es zwei Kulturen: die Gehörlosenkultur und die Kultur der Hörenden.
Der Unterricht ist also bilingual und bikulturell. Das ist eine Bereicherung für die SchülerInnen.
Betritt man diese Schule, ist überall und jederzeit Gebärdensprache zu sehen. Dort gibt es so gut wie keine Verständigungsprobleme, so dass jeder mit jedem kommunizieren kann. Damit sind alle glücklich.

Bei uns in der Schule gibt es 57 SchülerInnen, die alle sehr gut gebärden können. Ich möchte Ihnen jetzt ein kurzes Video aus der 3./4. Klasse zeigen. Ein gehörloser Pädagoge bringt den Kindern hier das Fach Sozialkunde bei. Das Video ist mit englischen Untertiteln versehen. Bitte das Video jetzt starten.

Demonstration des Videoclips

Jetzt möchte ich ein anderes Video aus der 6./7. Klasse zeigen. Sie können darin sehen, wie die SchülerInnen japanische Texte lesen und schreiben lernen. Unterricht werden sie von einer hörenden Lehrerin, die gut gebärden kann. Es wird nicht gesprochen, nur gebärdet. Sehen Sie selbst!

Demonstration des Videoclips

Sie sehen, dass hier im Unterricht alles gebärdet wird. Mit der Gebärdensprache ist es auch möglich, beim Unterrichten in die Tiefe zu gehen. Alle Fächer, wie z.B. Mathematik, Wissenschaft, usw., können in Gebärdensprache vermittelt werden.

Durch die Verwendung der Gebärdensprache entwickelt sich eine starke Persönlichkeit. Die Gehörlosen erlernen Gehörlosengeschichte, Gehörlosenkunst, usw. Die jüngeren Gehörlosen sehen gehörlose Erwachsene als Vorbilder und das stärkt die Gehörlosenidentität.

Bei einem informellen Gespräch mit einem Freund unterhält man sich einfach locker miteinander. Im Vergleich dazu ist eine Unterrichtssituation mit einer bzw. einem Vortragenden ein formales Setting. Wie vorhin im Videoclip demonstriert, verläuft der Unterricht bei uns zwar strukturiert und vorbereitet. Dennoch lassen wir verschiedene Lehrmethoden miteinfließen – es wird diskutiert, Wissen vermittelt und auf Fragen eingegangen, sodass eine ungezwungene Unterrichtsdynamik entstehen kann, kombiniert mit informellen Elementen, ähnlich wie bei einer lockeren, informellen Unterhaltung.
Die Gebärdensprache ist für den Unterricht notwendig. Durch die Gebärdensprache kann das Selbstwertgefühl der Gehörlosen gestärkt werden.

Gehörlose Erwachsene aus den unterschiedlichsten Fachbereichen wie beispielsweise aus dem Pädagogischen Bereich sowie aus dem Sport-, Medizin- und Rechtsbereich, aus der Kunst und aus der Wissenschaft kamen hierher. So konnten die SchülerInnen die verschiedenen Berufsbilder dieser Gäste kennenlernen und dadurch eine Vorstellung bekommen, welchen Beruf sie in Zukunft ergreifen könnten. Gehörlose Gäste aus 30 Ländern, die unterschiedliche Gebärdensprachen benutzten, kamen hierher. Die SchülerInnen waren so dankbar für dieses Erlebnis. Das trägt auch zur Stärkung der Identität bei.
Die Gäste, die unsere Schule besucht haben, waren begeistert. Sie meinten, dass die gehörlosen SchülerInnen, die in anderen Schulen verstreut sind, wieder in der gleichen Schule zusammen sein sollten.

Gehörlose Erwachsene, gehörlose LehrerInnen, Eltern und Großeltern und auch hörende GebärdensprachbenutzerInnen sind hier herzlich willkommen. Die Schule ist ein Ort, an dem sich alle in Gebärdensprache verständigen können. Hier können alle miteinander reden und gemeinsam lachen. Das ist eine starke Gemeinschaft.

Es ist sehr wichtig, dass die gehörlosen Kinder ein gestärktes Selbstbewusstsein haben. In Zukunft können diese Kinder, die eine gute Bildung in dieser gegründeten Schule in Japan absolviert und abgeschlossen haben, dann auch auf ihren weiteren Lebensweg davon profitieren und miteinander in Verbindung bleiben.

Zum Abschluss möchte ich noch ein kurzes Video zeigen. Die SchülerInnen der neunten Klasse haben eine Nachricht für Sie. Sehen Sie selbst!

Demonstration des Videoclips

Wir bleiben weiterhin in Verbindung miteinander! Dankeschön!
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt