„Gebärdensprache, Inklusion und Gleichstellung - kein einfaches Zusammenspiel“ - Teil 2

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Im Zuge meiner Recherche für einen Artikel, den ich für das Journal of the Australasian Parliamentary Review verfasst habe, wurde eine vertrauliche Umfrage unter den Mitgliedern im Parlament – im Australischen Parlament und im Parlament von Neuseeland – durchgeführt. Insgesamt sind 77 Antworten von den parlamentarischen VertreterInnen eingelangt.

In dieser Umfrage wurden Abgeordnete befragt, die mit Menschen mit Behinderung Kontakt hatten. Sie wurden gefragt, welche Unterstützung sie diesbezüglich vom Parlament erhalten haben.

Zusammenfassend möchte ich folgende Punkte aus den Ergebnissen der Umfrage aufgreifen: Knapp 90% der Befragten hatten in den letzten zwölf Monaten Kontakt zu einer Person mit Behinderung. Direkter Kontakt war die häufigste Form der Interaktion. Der Großteil der befragten Personen bezog sich allerdings nur auf die räumliche Barrierefreiheit von Gebäuden. Der Großteil der Befragten hat keine externe Hilfe, z.B. DolmetscherInnen oder eine andere Unterstützung, in Anspruch genommen, um mit der betroffenen Person zu interagieren.

Viele der befragten Personen sagten, sie wüssten, was Personen mit Behinderung bräuchten und mit welchen Barrieren sie zu kämpfen hätten, aber wenn man sie dann fragt, was das genau bedeutet, dann können sie das nicht genau erklären und sagen nur: die werden diskriminiert.

Und wenn man dann fragt, wie das Parlament die Menschen mit Behinderung unterstützen kann, dann haben sie keine Ahnung wie. 40% der Befragten haben sich nur auf die Behinderung bezogen. 20% der Befragten wissen nicht einmal, dass es Unterstützung für Menschen mit Behinderungen überhaupt gibt oder, dass Kosten ein limitierender Faktor sind.

Die nächste Frage lautete: Haben Sie schon einmal Hilfe in Anspruch genommen, um mit einer Person mit Behinderung zu interagieren? 66% der Befragten verneinten.

Die Gründe für die Nichtinanspruchnahme von Hilfe können zum Beispiel Unwissenheit und falsche Vorstellungen sein oder die Tatsache, dass sie vor dem Treffen einfach nicht nachgefragt hatten, was benötigt wird.

Es ist ganz wichtig, dass Sie, wenn Sie sich mit Abgeordneten im Parlament treffen, selbst auf Ihre und deren Bedürfnisse eingeht. Wenn die Hörenden nicht Gebärdensprache können, dann brauchen sie einen Dolmetscher und nicht Sie als Gehörloser.

In der letzten Frage wurde gefragt, auf welche Barrieren Menschen mit Behinderungen stoßen bzw. welche Barrieren sie davon abhalten mehr am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Unter den Antworten fanden sich viele negative Stereotype. Ein Abgeordneter antwortete, die größte Barriere wäre ihre eigene Denkweise. Ein anderer Abgeordneter sagt, sie wären so mit sich selbst und ihrer Behinderung beschäftigt, dass sie nicht teilnehmen könnten.

Das sind beunruhigende Kommentare. Durch solche Antworten wird aufgezeigt, dass es bei politischen Entscheidungsträgern vor allem in Bezug auf die persönliche Einstellung die größten Barrieren gibt. Da muss noch viel gemacht werden, um das zu ändern.

Das ist aber leider nicht überraschend. Es gibt in Australien kein Gesetz, das Ministerien vorschreibt, Informationen in AUSLAN, der Australischen Gebärdensprache, auf ihrer Webseite zur Verfügung zu stellen. Gehörlose und schwerhörige Menschen sind von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Sie stoßen auf viele Barrieren. Im Gerichtssaal beispielsweise werden keine professionellen DolmetscherInnen zur Verfügung gestellt.

Damit im Zusammenhang steht auch die folgende Frage: Wie kann den politischen Entscheidungsträgern die Wichtigkeit der bilingualen Erziehung begreiflich gemacht werden? Wir müssen damit beginnen, uns bewusst zu machen, dass die Entscheidungsträger wenig oder gar nichts über bilinguale Erziehung wissen. Wir müssen auch verstehen, dass Entscheidungsträger unter Zeitdruck arbeiten und kaum Zeit haben, um sich mit Recherche zu diesem Thema zu befassen. Wie können wir den Entscheidungsträgern begreiflich machen, dass der momentane Zustand nicht akzeptabel ist und dass die Regierung ihre Einstellung ändern und offener werden muss und dass sie Barrierefreiheit für gehörlose und schwerhörige Menschen anbieten muss.

Ich persönlich möchte am liebsten mit der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, beginnen, und zwar mit ihrer Definition. Diese besagt, dass Vieles, was die Menschen mit Behinderung von der Teilhabe an der Gesellschaft fernhält, nicht durch die eigentliche Behinderung bedingt ist. Die Gründe für die Barrieren sind vielmehr die Umwelt und die Gesellschaft, so wie sie von den Menschen geschaffen wurden.

Das Fehlen des bilingualen Unterrichts ist eine der größten Barrieren. Ich habe mir fünf ganz einfache und doch wirksame Ideen überlegt, die die Politiker und Entscheidungsträger zum Umdenken bewegen sollen, damit sie einsehen, welche Vorteile bilingualer Unterricht hat. Den Entscheidungsträgern soll aufgezeigt werden, mit welchen Barrieren Menschen mit Behinderung zu kämpfen haben und welche Vorteile es mit sich bringen könnte, wenn sie bilingualen Unterricht unterstützen.

1. Besuchen Sie Ihre lokalen Politiker. Nehmen Sie keine Liste von Themen mit, die Sie besprechen möchten. Nehmen Sie sich einfach Zeit, um sich vorzustellen. In vielen Fällen werden Politiker von Wählern nur dann aufgesucht, wenn es Probleme gibt und nehmen daher eine abwehrende Haltung ein. Das kann sie auch aggressiv machen. Ich ermutige Sie, dass Sie eine Beziehung zu den Politikern aufbauen, bevor Sie Ihr Anliegen vorbringen. Schaffen Sie aber gleichzeitig ein Bewusstsein für Ihre Bedürfnisse.

2. Laden Sie die Politiker zu Veranstaltungen in der Gehörlosen-Community ein, wo auch Gebärdensprache verwendet wird.
Ich mag das Beispiel, das Victoria vorher genannt hat, wo ein Gehörloser einen Abgeordneten in den Gehörlosenverein eingeladen hat und wodurch sich dann auch eine gute Zusammenarbeit ergeben hat. Was für eine brillante Idee!

3. Bitten Sie den Abgeordneten dann, Ihre Anliegen im Parlament einzubringen. Im Zuge dessen lernen die Politiker die Gebärdensprache und die Barrieren kennen, mit denen gehörlosen Menschen konfrontiert sind.

4. Finden Sie Bereiche, die auch von bilingualer Bildung profitieren würden. Denken Sie nicht nur an das Thema Bildung. Beachten Sie auch die Bereiche mentale Gesundheit, Jugendrecht und betrachten Sie das ganze Spektrum an Themen. Denn was Sie dann den Abgeordneten zu verstehen geben ist, dass wenn sie jetzt in bilinguale Ausbildung investieren, dann werden auch diese anderen genannten Bereiche davon profitieren.

5. Bestimmen Sie einen Auserwählten. In jeder Community gibt es jemanden, innerhalb der Systeme, egal ob Regierungsbeamter oder Politiker, klären Sie diese Person auf und helfen Sie ihr Lobbying zu betreiben. Denn wie wir wissen ist das Überzeugen eines Entscheidungsträgers ein Marathon und kein Sprint. Entscheidungsträger wechseln auch, beispielsweise nach Wahlen und dann können ganz andere Verantwortliche da sein und Sie müssen wieder von vorne beginnen.
Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Helen Keller. Sie ist der Meinung ist, dass wir alle die Verantwortung haben, etwas zu verändern: „I am only one, but I am still one. I cannot do everything, but I can do something. If we all do something we can bring about the value, bring about educating our desicion makers to the value of the bilingual education.“

Deutsche Übersetzung: „Ich bin nur Eine, aber immerhin bin ich Eine. Ich kann zwar nicht alles schaffen, aber ich kann als Einzelperson etwas bewegen. Wenn wir alle ein bisschen etwas machen, können wir die Werte verändern. Wir können es schaffen, den Abgeordneten klar zu machen, welchen Wert bilinguale Bildung hat.“

Vielen Dank für Ihre Zeit! Jetzt ist es Zeit für das Mittagessen – ich glaube, ich habe ein bisschen früher aufgehört.
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt