„Gebärdensprache, Inklusion und Gleichstellung - kein einfaches Zusammenspiel“ - Teil 1

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Guten Tag! Mein Name ist David Gibson. Ich bitte um Ihr Verständnis dafür, dass ich jetzt in Lautsprache vortragen werde, da ich International Sign nicht kann. Daher lasse ich mich dolmetschen.

Australien ist weit entfernt. Dort gibt es viele Gefahren. In Australien leben nämlich die gefährlichsten Tiere der Welt. Diese Qualle hier (ein Bild davon wird gezeigt) ist gefährlicher als ein Hai. In unseren Flüssen gibt es gefährliche Tiere, wie beispielsweise Krokodile, und im Garten haben wir Schlangen und Spinnen. Aber das Gefährlichste von allen ist die Honigbiene. In Australien kann man an einem Bienenstich sterben, wenn man gegen Honigbienen allergisch ist. Was ich damit sagen möchte ist, dass AustralierInnen einiges aushalten können. Während des Aufwachsens haben wir gelernt, wie man überleben kann. Deshalb ist es am besten sich nicht mit uns anzulegen.

Aber welcher Zusammenhang besteht hier zu meinem Vortragsthema „Gebärdensprache, Inklusion und Gleichstellung – kein einfaches Zusammenspiel“?

Das Wetter in Australien bringt auch Überflutungen, Wirbelstürme und Waldbrände mit sich. Durch solche Ereignisse wird die Gebärdensprache oft im Fernsehen ins Rampenlicht gerückt, denn die Katastrophenwarnungen werden auch in Gebärdensprache gezeigt, um die dringenden Meldungen schnell zu verbreiten. Die Gebärdensprachdolmetschung zieht häufig die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Die ZuseherInnen sind fasziniert von der ausdrucksstarken Mimik, der Gestik und der Körpersprache der DolmetscherInnen. Diese Komponenten sind Teil der Gebärdensprache und Bestandteil der Grammatik. Genauso wie gesprochene Sprachen, besitzen auch Gebärdensprachen grammatikalische Strukturen.

In Australien ist der Regierung bewusst, dass es sehr wichtig ist, in den Medien die Informationen über Katastrophen auch in Gebärdensprache zu übermitteln. Sie denken jetzt vielleicht, dass Australien ein Paradies für Menschen mit Behinderungen ist. Australien war einer der ersten Staaten, nämlich einer von insgesamt acht Staaten, die an der Erstellung des Entwurfs der UN-Menschenrechtskonvention beteiligt waren. Australien war unter den ersten Ländern, die damals die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet haben. Außerdem ist Australien dabei ein Programm („National Disability Insurance Scheme“) zu entwickeln, das Menschen mit Behinderungen auf staatlicher und bundesstaatlicher Ebene unterstützen soll. Trotzdem muss an dieser Stelle gesagt werden, dass Australien noch lange kein Paradies ist, in dem alles perfekt läuft.

Es stellen sich hierbei folgende Fragen: Wie kann erreicht werden, dass Entscheidungsträger die Notwendigkeit des bilingualen Unterrichts erkennen? In welchem Ausmaß wird die Gleichstellung umgesetzt? Zudem muss den Bestrebungen zur Gleichstellung von allen Menschen mit Behinderungen besondere Aufmerksamkeit gegeben werden.

Die einzigen, die in Australien nicht wählen dürfen, sind Häftlinge sowie Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die nicht in der Lage sind, die Bedeutung einer Wahlbeteiligung zu verstehen. In Australien hat somit der Großteil der BürgerInnen nicht nur das Recht, sondern laut den Vorschriften des Bundeswahlgesetzes auch die gesetzliche Pflicht zu wählen.

Wie die australische Menschenrechtskommission 2010 erklärte, ist es im Sinne der Gleichstellung notwendig, allen BürgerInnen einen Zugang zu politischen Aktivitäten zu ermöglichen. Obwohl fast alle AustralierInnen, die bereits 18 Jahre alt sind, das Recht und auch die Pflicht haben zu wählen, sind nicht alle begeistert darüber, wählen zu gehen.

Ich war über acht Jahre lang im Bundesstaat Queensland im Parlament tätig. Aktuell bin ich Vorstandsvorsitzender bei Deaf Services. Ich bin als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen. Ich habe selbst gesehen, dass die Entscheidungsträger im Parlament der Gebärdensprache kaum Beachtung schenken bzw. deren Wert nicht anerkennen. Zweitens bemerkte ich, dass die Gehörlosengemeinschaft in dem Gleichstellungsprozess mehr miteinbezogen werden müsste, damit die Bedeutung und die Notwendigkeit der Gebärdensprache wirklich erkannt wird.

In einer modernen Demokratie, wie wir sie in Australien haben, ist das Recht zu wählen und bei Gleichstellungsbewegungen mitzuwirken weitgehend als ein grundlegendes Menschenrecht anerkannt. Wie bereits erwähnt, war Australien unter den ersten Ländern, die damals die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet haben. Gemäß Absatz 19 schließt dies auch eine vollständige Inklusion und Teilhabe an der Gesellschaft mit ein. Die Realität zeigt jedoch, dass in Australien ganz und gar nicht das gewünschte Ergebnis vorliegt – immer wieder findet man Diskriminierung vor und die Situation ist sehr enttäuschend. Als Kind gehörloser Eltern muss ich leider sagen, dass die Gemeinschaft der gehörlosen und schwerhörigen Menschen nach wie vor täglich auf Barrieren stößt.

Das Problem ist, dass die Entscheidungsträger die Wichtigkeit der Gebärdensprache und des bilingualen Unterrichts nicht vollständig anerkennen. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Was ist hier schief gelaufen?

Dazu ein aktuelles Beispiel, das zeigt, dass Entscheidungsträger und die Regierung in Australien die Gebärdensprache nicht angemessen wertschätzen. In Australien wird gerade zum ersten Mal über das Thema „Ehe für alle“ diskutiert. Diese Thematik wird sehr stark politisiert und es gibt hierzu viele verschiedene Meinungen. Die aktuelle Regierung hat bei der letzten Wahl zugesichert, hierzu eine Volksumfrage zu machen, so ähnlich wie es in Irland versprochen wurde. Bei der Wahl hat die Regierung in dieser Sache weder von der Grünen Partei noch von der Arbeiterpartei Unterstützung erhalten. Daher hat die Regierung in Australien erstmals eine postalische Volksumfrage durchgeführt. Mitte September startete die Aussendung, im Zuge derer alle BürgerInnen in Australien einen Umfragebogen zur Regelung der gleichgeschlechtlichen Ehe per Post zugeschickt bekommen haben. Diese Umfrage endete erst kürzlich, nämlich am Dienstag, den 7. November. Am 15. November sind die Umfrageergebnisse zu erwarten. Es gibt viele komplexe rechtliche Themen wie jenes der Umfrage bzgl. der gleichgeschlechtlichen Ehe.

Ich möchte mir aber jetzt nur ein Thema daraus ansehen, und zwar den postalischen Umfrageprozess. Wie ich schon gesagt habe, wurde so etwas noch nie in der Geschichte von Australien durchgeführt. Wenn man davon ausgeht, dass gehörlose und schwerhörige Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft haben, dann wäre es zu erwarten, dass die australische Regierung die Statistikfirma damit beauftragt, die schriftliche Umfrage für alle AustralierInnen verständlich zu machen, gehörlose und schwerhörige Menschen miteingeschlossen. Für diese Menschen sollte die Information in AUSLAN, der Australischen Gebärdensprache, angeboten werden.

Leider hat nicht eine einzige offizielle Webseite der Regierung Informationen in AUSLAN zur Umfrage „Ehe für alle“ bereitgestellt. Ich muss ganz offen sagen, es ist eine Schande, dass in einer modernen demokratischen Gesellschaft, wie der in Australien, ein so grundlegendes Service zu einem derart wichtigen und umstrittenen Thema nicht angeboten wird. Das ist leider nur ein Beispiel dafür, dass gehörlose Menschen in Australien nach wie vor auf viele Barrieren stoßen, weil die Wichtigkeit der Gebärdensprache und des bilingualen Unterrichts nicht anerkannt wird. Offensichtlich fehlt es noch immer an tiefem Verständnis für kulturelle und linguistische Unterschiede zwischen Gebärdensprache und Lautsprache. Im Jahr 2017 wird die Gehörlosengemeinschaft in Australien noch immer benachteiligt und von nationalen Diskussionen zu umstrittenen Themen ausgeschlossen. In vielen Fällen sind das sprachliche Barrieren oder die Unfähigkeit am gesprochenen Dialog teilzunehmen.

Bei telefonischen Umfragen wird die Meinung der gehörlosen Menschen nicht berücksichtigt, weil die Umfragen ausschließlich telefonisch durchgeführt werden. Einen Punkt muss man bedenken, und zwar, dass Australien keine offizielle Sprache hat, weder Laut- noch Gebärdensprache. Es gibt in Australien viele verschiedene indigene Sprachen. Englisch hat sich aber als nationale Sprache etabliert, besonders für offizielle Dokumente und Kommunikation. AUSLAN ist in Australien nicht gesetzlich anerkannt und wird nur in Richtlinien erwähnt, wo es um den Umgang mit Personen mit Behinderungen geht. Das verstärkt das fehlende Verständnis der Regierung dafür, was Gebärdensprache ist und welchen Wert sie für die Community hat.
(ERSR)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt