WFD Konferenz Vortrag: Schweden

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Worauf basiert die Entwicklung der wissenschaftlichen bilingualen Bildung?
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Hallo! Ich bin Camilla Lindahl (zeigt ihren Gebärdennamen). Ich bin als Forscherin an der Universität Stockholm tätig und lehre auch in den Fächern Mathematik und Wissenschaft. Außerdem unterrichte ich auch im Bereich der speziellen Pädagogik.
In meinem heutigen Vortrag liegt der Fokus nicht auf dem Kampf für die Gebärdensprache, denn das wurde schon vielfach thematisiert. Was ich mir wünsche, ist, dass weiterhin diskutiert werden soll, wie man Bilingualität, also Laut- und Gebärdensprache, im Unterricht anwenden kann. Das ist das Thema meines heutigen Vortrages.
Ich denke, dass wir uns nicht nur auf zwei Sprachen beschränken sollten. Es gibt viele verschiedene Sprachen. Im Unterricht sind es allerdings nur zwei Sprachen, die Gebärdensprache und die Schriftsprache. Deswegen verwende ich heute den Begriff Bilingualität mit Gebärdensprache.
Ich verwende die Gebärdensprache und bin bilingual. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass ich auch gut bilingual unterrichten kann. Für den bilingualen Unterricht muss man auch über das Wissen verfügen, wie man gut und strukturiert unterrichten kann und die Bilingualität gut vermitteln kann. Dieses Wissen ist unabdingbar. Spontan drauflosgebärden kann man da nicht. Wie bekommt man das Know-How? Durch die Forschung. Im Unterricht wird genau beobachtet und dokumentiert.
Ich möchte ein Beispiel aus meiner Forschung herausnehmen, um zu zeigen, wie man Bilingualismus (mit Gebärdensprache) im Unterricht anwenden kann. In meinem Fall geht es um wissenschaftlichen Unterricht, aber ich denke, dass das auch für andere Fächer angewendet werden kann.
So sieht meine Forschungstätigkeit aus (zeigt auf die Präsentation).
In der Klasse lege ich den Fokus auf den Dialog. Es geht nicht um die Beurteilung des Wissenstandes, sondern mehr um den Dialog und den Lernprozess der Schüler. Wie läuft dieser Prozess im bilingualen Unterricht ab?
Wie können die Kinder Fachbegriffe, in meinem Fall aus dem Bereich Wissenschaft, lernen? Auf der einen Seite haben wir die wissenschaftliche Sprache, die sich zahlreicher komplizierter Fachbegriffe bedient. Gebärdensprache, auf der anderen Seite, hat auch ihren eigenen Ausdruck. Wie können wissenschaftliche Fachterminologie und Gebärdensprache miteinander in Einklang gebracht werden? Das habe ich in der Klasse beobachtet.
In der Klasse gab es zwei Lehrer und acht Schüler im Alter von 13-15 Jahren. Sie waren alle bilingual und konnten fließend gebärden. Es hat sehr viel Dialog stattgefunden. Ich habe siebzehn verschiedene Unterrichtseinheiten gefilmt und analysiert.
Ich habe ein Beispiel daraus ausgewählt, das ich an dieser Stelle zeigen möchte, damit Sie sehen, wie durch die Gebärdensprache im Unterricht das Niveau steigt.
Im Unterricht war das Thema Energie. Das ist die schwedische Gebärde für Energie. Die Energie kann sich bekanntlich verändern. Ein Lehrer hatte einen Ball, genauer gesagt einen Fußball, dabei, um zu zeigen, wie sich die Energie verändert. Als der Ball oben war, hatte er potentielle Energie. Wie er sich nach unten bewegte, hatte er kinetische Energie bzw. Bewegungsenergie. Beim Aufprallen wurde der Ball zusammengedrückt und somit hatte er elastische Energie.
Dieses Thema wollte der Lehrer den Kindern anhand des Balls näher bringen. Die Kinder schauten dem Ball zu und dann wurden dazu Fragen gestellt.
Robin, einer der Schüler, erklärte, was er gesehen hatte. Oben auf der Leinwand sehen Sie, wie er das gebärdet hat. Das werde ich Ihnen jetzt zeigen.
Robin hat so gebärdet, indem er die Bewegung des Balls dargestellt hat. So konnte er auch exakt den Punkt darstellen, an dem der Ball potentielle Energie hatte. Das war klar verständlich.
Sein Lehrer antworte darauf, indem er seine Aussage nachgebärdet hat und sagte, ja, das ist potentielle Energie. Das war klar. So läuft der Dialog zwischen Lehrer und Schüler ab, die Kommunikation verläuft reibungslos. Robin nimmt den Unterrichtsstoff in Gebärdensprache auf und gibt ihn dann auch wieder in Gebärdensprache wieder. Der Lehrer sagte, dass Robin’s Antwort richtig wäre. Das funktioniert problemlos.
So ist der Unterricht abgelaufen. Die Klasse hat das Thema potentielle, kinetische und elastische Energie durchgenommen.
Auf der einen Seite haben wir die Gebärde für elastische Energie. Diese Gebärde sieht so aus (sie zeigt die Gebärde). Auf der anderen Seite kann man aber auch genau zeigen, wie sich der Ball bewegt und wie er sich durch den Aufprall verformt, man kann also die Bewegung des Balls in die Gebärde elastisch miteinfließen lassen. Es gibt also diese beiden Möglichkeiten. Im Laufe der Unterrichtseinheit sind diese beiden Gebärden miteinander verschmolzen. So entstand eine neue Gebärde für das Wort elastisch. Diese „neu erfundene“ Gebärde ist aber keinesfalls falsch. Gebärdensprache ist eine lebendige Sprache. Wir haben das auch in der Klasse diskutiert und besprochen. Die Gebärdesprache ist lebendig und kann sich auch verändern. Von diesem Zeitpunkt an wurde im Unterricht nur mehr die „neue“ Gebärde für elastische Energie verwendet. Das lief problemlos.
Am Ende der Unterrichtseinheit wollte Robin gerne nochmal sichergehen, dass er das Konzept der potentiellen, kinetischen und elastischen Energie richtig verstanden hatte. Zur elastischen Energie fiel ihm ein anderes Beispiel ein: Er wollte den Versuch von vorhin mit einem Stein machen. Robin stellte sich den Versuch so vor: Der Stein wird geworfen, fliegt zuerst hinauf, dann hinunter, prallt dann am Boden auf und hüpft wieder ein bisschen weg. Für Robin war das klar. Der Lehrer hat allerdings genau in dem Moment weggeschaut, als Robin Stein gebärdet hat. Der Lehrer sagte dann ja, das ist korrekt, zuerst kinetische Energie und dann beim Aufprall elastische Energie.
Erika, eine andere Schülerin, war verunsichert und fragte, ob der Stein wirklich elastische Energie hätte. Robin entgegnete auch, dass kein Stein elastisch wäre. Ein Stein ist hart. Was ist hier passiert? Der Lehrer war für einen kurzen Moment verwirrt, weil er nicht gemerkt hat, dass es um einen Stein ging. Er hat daraufhin erklärt, dass Stein und Ball sich nicht gleich verhalten. Der Ball prallt stark vom Boden ab und hüpft dann höher in die Luft. Der Stein hingegen hüpft zwar nach dem Aufprall auch vom Boden weg, aber das sind nur kleinere, niedrige Bewegungen. Daraus stellte sich die Frage, was elastische Energie genau bedeutete. Ist damit gemeint, dass das Innere des Balls elastisch ist? Oder bedeutet elastische Energie das Phänomen, dass der Stein vom Boden abprallt? So entstand eine tiefgründige Diskussion zum Thema Wissenschaft. Eine derart tief gehende Diskussion war dank Gebärdensprache möglich.
Ohne den Einsatz der Gebärdenspräche wäre das Thema elastische Energie zwar im Unterricht behandelt worden, aber mittels Gebärdensprache waren tiefsinnige Gespräche und Diskussionen im wissenschaftlichen Unterricht möglich.
In meiner Forschung geht es darum, zu beobachten, wie man wissenschaftliche Sprache und Gebärdensprache miteinander in Einklang bringen kann.

Ich möchte Ihnen noch kurz eines von vielen Beispielen aus meiner Forschung näherbringen. Das Lehrpersonal nimmt im Unterricht sicherlich eine ganz bedeutende Rolle ein. Das Wichtigste dabei ist, dass die Lehrkräfte Gebärdensprache können, also bilingual sind, und diese Kenntnisse auch bewusst im Dialog mit den Kindern anwenden. So haben die Kinder die Möglichkeit, sich im Dialog sprachlich ausdrücken zu können. Dabei können sie ihre Gebärdensprache weiterentwickeln und sprachlich Fortschritte machen. Das wiederum hilft ihnen, ihre Kenntnisse zu wissenschaftlichen Themen wie Mathematik etc. zu vertiefen. Die Fachkompetenz der SchülerInnen wird somit besser, wenn sie sich in ihrer Sprache, der Gebärdensprache, verständigen und ausdrücken können. Ganz wichtig für die Rolle als LehrerIn ist es, die Kinder bei den Dialogen untereinander zu begleiten und mit ihnen zu kommunizieren. Es gibt Gehörlosenschulen und tolle LehrerInnen mit den entsprechenden Kenntnissen, aber dazu gibt es kaum Forschung und Dokumentation.
Daher würde ich mir hier in Bezug auf den Unterricht mehr Kooperation und Zusammenarbeit zwischen den Forschungsinstituten von Universitäten und den PädagogInnen wünschen. So könnten die Erkenntnisse aus dem praktischen Unterricht dokumentiert werden und in die Forschung einfließen. Das könnte die Weiterentwicklung des Unterrichts begünstigen. Es geht um die Erforschung des Basisunterrichts und die Modifizierung des Unterrichts, was dann dokumentiert werden soll.
Bisher fehlt es an dieser Dokumentation und Forschung. An dieser Stelle möchte ich Folgendes ergänzen: Ich ziehe meinen Hut vor jenen Personen, die für die Gebärdensprache kämpfen. Ich bin jedoch enttäuscht, dass der Kampf um die Gebärdensprache so lange und bis dato, bis 2017 andauert. Es muss natürlich weiter gekämpft werden. Ich habe große Achtung vor all jenen, die sich hierfür einsetzen.
Dennoch gibt es in der Schule einen absolut notwendigen Bedarf an der Weiterentwicklung. Gibt es trotz der Anerkennung der Gebärdensprache in der Schule Rückschritte, so birgt das ein großes Risiko für die Gebärdensprache.
Es freut mich als Universitätsprofessorin tätig zu sein und in einem Programm zur Ausbildung von PädagogInnen unterrichten zu dürfen. Ich mag es professionell zu unterrichten. Aber es fehlt an entsprechenden Materialen aus der Forschung. Kann man so professionell arbeiten? Nein, gar nicht! Das ist wohl zu wenig, was hier an Forschung zur Verfügung steht.
Es ist nötig, noch weiter für die Gebärdensprache zu kämpfen. Und es ist auch nötig, den Unterricht weiter zu entwickeln. Gerade das ist ja ein Dilemma, nämlich die schwierige Entscheidung zwischen dem Ei und dem Küken: Was kommt zuerst? Was hat Vorrang – das Ei oder das Küken? Das gleiche trifft auch hier zu – die Frage ist: Zuerst um die Anerkennung der Gebärdensprache kämpfen oder zuerst in der Schule kämpfen? Meiner Meinung nach ist es wichtig, an beiden gleichzeitig zu arbeiten. Wir sind dann ein großes Team, das gemeinsam vorangeht. Die einen engagieren sich für die Gebärdensprache und die anderen setzen sich für die Fortschritte in der Schule ein. So können sich dann beide Seiten gut entwickeln und man kann in beiden Bereichen stark sein.
Das ist meine Vision. Danke!
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt