Bildung ermöglichen: Eine bessere Zukunft für gehörlose Kinder im Südsudan

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Der zweite Teil der WFD Konferenz widmet sich dem Südsudan.
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Die Situation im Südsudan unterscheidet sich sehr von anderen Ländern. Ich möchte gerne erzählen, wie dort das Leben der (gehörlosen) Kinder und die Koordination aussieht.
Bisher bin ich vier Mal in den Südsudan geflogen, um mir selbst ein Bild von der dortigen Situation zu machen und die Entwicklungen zu sehen. Es gab bereits eine positive Veränderung und die Situation hat sich schon ein wenig verbessert. Die politische Situation ist zwar gleich geblieben, aber in der Gehörlosen-Community zeigte sich schon eine kleine Verbesserung. Darüber freue ich mich!

Sehen wir uns zuerst dieses Bild hier an, das zeigt, wo der Südsudan ist. Die Hauptstadt heißt Juba, das ist eine große Stadt.
Im Sudan (hierfür gibt es zwei verschiedene Gebärdenzeichen) gab es große Probleme und Konflikte. Daher kam es 2011 zu einer Teilung in zwei Staaten. Zu der Zeit als die Konflikte waren, bin ich natürlich nicht dorthin gereist. Folglich entstand durch die Teilung ein neuer Staat namens Südsudan, der somit der jüngste Staat der Welt ist. Seit 2011 ist der Südsudan unabhängig, doch das selbständige Koordinieren und die Zusammenarbeit müssen dort noch erlernt werden. Die Situation ist nicht stabil und es gibt immer wieder Auseinandersetzungen.

Ich habe die Organisation namens Licht für die Welt bei ihren neuen Aufgaben unterstützt. Im Zuge des Integrationsprozesses ist im Laufe der Zeit aufgefallen, dass gehörlose Schüler dabei isoliert waren, was nicht gut war. Man überlegte, wie diese gefördert werden könnten. Bei den gehörlosen Erwachsenen war die Situation ähnlich.

Da ich bei Licht für die Welt im Vorstand tätig bin, wurde ich gefragt, ob sie von mir Unterstützung bezüglich der Situation von gehörlosen Kindern und Erwachsenen erhalten könnten. Ich willigte ein und so flog ich in den Südsudan. Die gehörlosen Menschen, denen ich begegnet bin, waren glücklich und für viele war es das erste Mal, dass sie jemanden aus einem fernen Land kennenlernten. Wir haben uns untereinander ausgetauscht.

Das Problem ist, dass Gehörlose überall verstreut und nicht zusammen an einem Ort waren. Außerdem hatten ihre Eltern auch kein Geld für den Transport ihrer Kinder zur Schule. Die Gehörlosenschule ist wiederum sehr schlecht besucht.

Auf der Folie, die ich vorher gezeigt habe, sehen Sie eine Person, die gut vortragen kann, leider habe ich den Namen vergessen. Ich unterrichtete zuerst die gehörlosen Erwachsenen, die danach selbst die gehörlosen Kinder unterrichten sollten.

Zur gleichen Zeit pflegte ich nicht nur die Zusammenarbeit mit den Gehörlosen, sondern auch die Kooperation und das Gespräch mit der Regierung, die für die Bildung zuständig ist. Dort klärte ich auf, dass die Unterstützung seitens der Regierung dringend benötigt wird, und ich bin auch an NGOs herangetreten, um diesbezüglich Gespräche zu führen. Um die Gehörlosen weiter auszubilden, ist das Netzwerk im ganzen Land nötig. Hier kann ich aus Zeitgründen leider nicht so genau darauf eingehen.

Ich hatte viele Besprechungen, wobei ich feststellte, wie ahnungslos die Leute zum Thema Gehörlose waren. Sie waren erstaunt zu erfahren, dass man die Gehörlosen wohl unterrichten könne und dass sie kognitiv, emotional und sozial gut sein können. Daraufhin wurde Unterstützung schriftlich zugesagt.

Im Südsudan gibt es kaum Geld, weil bis zu 25% für Waffen ausgegeben wird. Trotzdem wurde eine Unterstützung zugesichert, und auch die NGOs und die UNESCO haben Unterstützung angeboten.
Das wichtigste ist: Gehörlose Menschen müssen sichtbar sein. Die Leute müssen wissen, dass es Gehörlose gibt, diese müssen sichtbar sein. Wenn sie alle an einem Ort zusammen sein können, sind sie sichtbarer. Und das wiederum steigert die Motivation und die Zusammenarbeit. Ein Mainstream-Setting ist undenkbar. Zusätzlich zum Unterricht soll informiert bzw. aufgeklärt werden, das ist eine große Unterstützung. Das geht Schritt für Schritt.
Ich habe einige Familien auch zu Hause besucht. Es war schlimm, dass viele ihre gehörlosen Kinder zu Hause versteckten. Das ist nicht menschenwürdig. Daher versuchte ich zu helfen, aufzuklären und so eine positive Entwicklung zu unterstützen.

Aufgrund der oftmals rudimentären Gebärdensprachkenntnisse fand ein Unterricht statt, wo Basiskenntnisse vermittelt wurden. Die Schüler bekamen auch Materialien. Es gäbe hier noch mehr zu sagen, aber leider reicht die Zeit dafür jetzt nicht aus.

Ein großer Unterschied zwischen Nord- und Südsudan, der mir aufgefallen ist, ist, dass auch die Gehörlosengemeinschaft getrennt ist. Die Gebärdensprache im Südsudan unterscheidet sich von der Gebärdensprache im Nordsudan. Die Leute im Südsudan wollten ihre eigene Gebärdensprache entwickeln. Das war nicht so einfach, aber durch die Kooperation und Zusammenarbeit mit der Universität in Äthiopien ist ein neues Südsudan-Gebärdensprachbuch entstanden. Das ist toll! Durch die Unterstützung wurde Schritt für Schritt daran gearbeitet, bis das Gebärdensprachbuch vom Südsudan fertiggestellt wurde. Alle waren glücklich über diesen Erfolg. Im Südsudan freute man sich darüber eine eigene Gebärdensprache zu haben.

Sehen Sie, das ist das Buch (zeigt auf Leinwand). Wir sind glücklich und stolz, das Buch jetzt in Händen halten zu können. Gedruckt wurde das Buch in Äthiopien. Ansonsten wäre es nicht möglich gewesen es zu produzieren. Die Bücher wurden dann verteilt. Es gibt sogar den Wunsch, ein zweites Buch zu produzieren. Das muss allerdings noch besprochen werden. Man müsste sich an Licht für die Welt wenden und dort um finanzielle Unterstützung ansuchen.

Die Leute am Foto haben so ein großes Herz, aber wenig zu essen. Sie haben aber einen starken Willen. Beruflich sind sie viel unterwegs und bei ihrer Arbeit treffen sie auf viele gehörlose Kinder, die sie unterrichten konnten. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen.

Es ist erforderlich, gleichzeitig auch die Erwachsenen einzuschulen, die dann in weiterer Folge die Kinder unterrichten. Jemand von einer Schule aus Uganda kam hierhier, um zu unterrichten. Seine Unterstützung war notwendig, um etwas bewegen zu können.

Ich habe bisher viermal unterrichtet. Mein Unterricht basiert auf den drei folgenden Aspekten: Persönliche Dimension, Förderung des Selbstwertgefühls, persönliche Freiheit. Vergessen Sie nicht, im Südsudan gibt es 30 verschiedene Stämme, 16 unterschiedliche Lautsprachen sowie Dialekte, weswegen die Situation für die Gehörlosen besonders schwierig ist. Da wies ich darauf hin, dass für sie zuerst die Gehörlosenkultur wichtig ist. Erst wenn man sich mit der eigenen Kultur identifizieren kann, kann man sich auf andere Kulturen einlassen. Wie schon gesagt, wichtig ist es bei sich selbst anzufangen, also zuerst auf sich und seine eigene Kultur zu schauen. Der zweite Punkt ist der Kontakt und die Verbindung mit anderen Menschen. Drittens müssen wir anschauen, wie wir in unserer Gesellschaft, in der hörenden Welt, funktionieren. Wir können nicht nur unsere eigene Gemeinschaft, die Gehörlosengemeinschaft, fokussieren und dabei alles andere um uns herum ausblenden, sondern es ist notwendig, den Blick zu weiten und auch auf die Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft zu schauen.

Die Kinder müssen sich sicher fühlen, aber es gibt überall Gefahren. Ich wollte in ländliche Gebiete fahren, aber aus Sicherheitsgründen musste ich in Juba bleiben. Und dafür, dass die Kinder zu mir kommen, war der Transport nicht sicher. Ich wollte unbedingt helfen. Die Herausforderung hierbei war, wie man dort im Südsudan einen sicheren Transport ermöglichen kann. Da muss man vorsichtig sein.

In der Gehörlosengemeinschaft gab es in der Vergangenheit oft Auseinandersetzungen. Die Gehörlosen arbeiteten nicht zusammen, es gab kein Teamwork. Stattdessen gab es immer interne Konkurrenzkämpfe. So kann keine starke Gemeinschaft aufgebaut werden. Daher war es notwendig, hier die Gemeinschaft aufzubauen.

Es gab damals keine einheitliche Gebärdensprache, da das Land in einen südlichen und nördlichen Bereich geteilt war. Im Südsudan gibt es nun eine einheitliche Gebärdensprache. Außerdem gibt es hierzu die entsprechende Literatur und es findet ein Unterricht statt. Der Südsudan wollte immer seine eigene Gebärdensprache haben und somit sprachlich unabhängig vom Sudan sein. Da gibt es immer wieder Konflikte.

In der Vergangenheit gab es keinen Unterricht für Gehörlose. Jetzt werden gehörlose Erwachsene ausgebildet, die dann in weiterer Folge die gehörlosen Kinder unterrichten.

CBR (Community Based Rehabilitation) stammt nicht aus der gehörlosen Welt, sondern aus der hörenden Welt. Dabei ging es mir nicht darum, im Alleingang eine Diskussion zu führen, sondern ich habe mir nur das Wissen darüber angeeignet, um es dann speziell für den Gehörlosenbereich zu adaptieren und bei der Integration von Gehörlosen anwenden zu können. Die kämpferische Diskussion ist es nicht wert. Im Zuge dessen wurde über eine mögliche Unterstützung gesprochen. Zusätzlich konnte das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass gehörlose Kinder nicht gleich sind wie hörende Kinder, die eine Behinderung haben.

Daher kamen folgende Fragen auf: Wie können diese denn kommunizieren? Wie können sie Informationen bekommen? Man reagierte jedoch flexibel. Ich habe erklärt, dass es gut wäre, die Gehörlosen so zu fördern, dass sie einen Weg beschreiten können, der von selbstbestimmtem Handeln geprägt ist. Daraufhin wurde ein Netzwerk aufgebaut. Der Empowerment-Prozess kam ins Rollen. Die Personen haben angefangen sich zu vernetzen. Ich habe diesen Prozess begleitet, um die Gehörlosen dabei zu unterstützen, dass sie sich in die richtige Richtung bewegen.

Insgesamt wurden 400 gehörlose Kinder in diesem Programm begleitet, die keinen guten Zugang zu Bildung hatten. Im Zuge dessen fand Aufklärung für die Familien statt. Das Programm hat sich als sehr positiv erwiesen. Vor vier Jahren hat es das alles noch nicht gegeben.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!
(ep)
Foto: Gebärdenwelt
Video: Gebärdenwelt